das neue normal

Das Neue Normal

30. März 2020. Ich bin guter Dinge. Trotz Corona.

Das hat etwas gedauert. Weil das Mediengetöse schwindlig macht, weil selbst Qualitätsmedien die Welle reiten, bis auch dem Letzten schlecht wird.

Jetzt ignoriere ich die Medien einfach. Kein Fernsehen, kein Radio, keine Zeitungen, kein Facebook und kein Twitter. Alle paar Tage schaue ich, was das BAG empfiehlt. Ausserdem bleibe ich zu Hause, esse frische Sachen und kümmere mich um meine Lieben und meine Arbeit. Kühlschrank und Vorratskammer sind nicht voller als sonst. Was bei mir im Quartier wichtig ist, erzählen mir die Nachbarn quer über die Strasse. 

Ich werde nichts Wichtiges verpassen. Irgendjemand wird mich anrufen, wenn die Welt untergeht. Dann lösche ich im Büro noch schnell das Licht.

Die Versuchung

Zukunftsprognosen haben wieder Hochsaison. Aus allen Ecken dringen sie zu mir. Sie unterscheiden sich kaum: Anscheinend erfindet sich die Welt gerade neu. Wir erleben einen «Paradigmenwechsel» oder eine «Bifurkation». Kein Stein bleibt auf dem anderen und wir alle müssen uns warm anziehen.

Das halte ich für kolossalen Unfug.

Ich lese solche Vorhersagen nur quer. Ich weiss also nicht, was drinsteht. Muss ich auch nicht. Es kann nur Unsinn sein.

Faszinierend ist, wie viele gescheite Leute der Versuchung erliegen, die Zukunft vorherzusagen. Leute, die nie zu einem Wahrsager gehen, an keinen Gott glauben und sich nie die Karten legen lassen (weil das alles Humbug ist), trauen sich plötzlich zu, die Zukunft zu kennen.

Das ist typisch für Krisen, dass Menschen, auch kluge, ihre Ängste und Hoffnungen mit der Zukunft verwechseln.

Zum Glück: Die Zukunft ist offen

Die Zukunft ist ungewiss. Immer und ausnahmslos. Ob es den Lieben Gott gibt oder nicht, ob Sie an etwas glauben oder nicht, ob wir gerade Krise haben oder nicht: Die Zukunft ist ungewiss. Will sagen: Man kann nicht wissen, wie sie sein wird.

Wer glaubt, die Zukunft sei vorhersehbar, verstrickt sich in heilloses Durcheinander – wie in dieser Geschichte von Anthony de Mello:

Der Tod wartet in Samarra

Ein Kaufmann in Bagdad schickte seinen Diener mit einem Auftrag zum Basar. Der Mann kam blass und zitternd vor Angst zurück.

«Herr», sagte er, «auf dem Markt traf ich einen Fremden. Als ich ihm ins Gesicht blickte, sah ich, dass es der Tod war. Er wies mit einer drohenden Gebärde auf mich und ging davon. Nun habe ich Angst. Bitte gebt mir ein Pferd, dass ich sofort nach Samarra reiten kann, um mich möglichst weit vom Tod zu entfernen.»

Der Kaufmann war besorgt um den Mann und gab ihm sein schnellstes Ross. Der Diener sass auf und war im Handumdrehen verschwunden.

Später ging der Kaufmann selbst auf den Basar und sah den Tod in der Menge herumlungern. Er ging zu ihm hin und sagte: «Du hast heute morgen vor meinem armen Diener eine drohende Gebärde gemacht. Was sollte das bedeuten?»

«Das war keine drohende Gebärde, Sir», sagte der Tod. «Es war nur ein erstauntes Zusammenfahren, weil ich ihn hier in Bagdad traf.»

«Warum sollte er nicht in Bagdad sein? Hier wohnt er doch.»

«Nun, mir hatte man zu verstehen gegeben, dass ich ihn heute Abend in Samarra treffen würde.»

Sie sehen: Von der Zukunft lassen wir besser die Finger. Vor allem, wenn sie Angst macht. Sonst schaffen wir uns das Problem, das wir so verzweifelt lösen wollen.

Wenn die Zukunft bekannt ist, wird alles bedeutungslos. Klimaschutz, Gleichberechtigung, Menschenrechte: Nichts ist mehr wichtig, weil nichts mehr einen Unterschied macht. Demokratie, Märkte, Medien: Alles verschwindet, weil eine fixe Zukunft dafür keinen Platz hat. 

Aber zum Glück ist die Zukunft ja offen. Lassen wir uns überraschen. In der Gegenwart gibts genug zu tun.

Wenn wir wachsam und mitfühlend in der Gegenwart leben, entfaltet sich die beste aller Welten. Die Vergangenheit ist schon vorbei und die Zukunft ist noch nicht da. Die beste Zukunft bauen wir mit Herz und Verstand im Hier und Jetzt.

Jetzt sagen Sie: Aber wir müssen uns doch etwas einfallen lassen. Irgendwie müssen wir uns auf die Zukunft einstellen. Wir können doch nicht einfach in den Tag hineinleben?

Gut, dass Sie das ansprechen. Dazu gehört die Geschichte vom Lindgrün.

Wird Lindgrün Mode?

Keiner kann wissen, ob Lindgrün im nächsten Winter Mode ist.

Aber Modelabel müssen trotzdem auf eine Farbe setzen. Daher finden endlose Besprechungen statt, werden Trends analysiert und Daten ausgewertet, bis man auf der Ungewissheit so lange herumgekaut hat, dass man sie kaum mehr spürt. Bis man zu wissen glaubt, dass Lindgrün kommt und sich traut, darauf zu wetten.

Aber diese Sicherheit ist nur der beherzte Griff nach einem Strohhalm. All die Meetings und Analysen ändern nichts daran, dass wir die Sache mit dem Lindgrün nicht wissen können.

Trotzdem: Wenn wir zusammenhocken, Ideen spinnen und uns gegenseitig Mut machen, wächst eine verbindende Perspektive. Die ist im Grunde nur eine Wette. Aber sie hilft trotzdem, weil wir jetzt wieder Handeln können, ohne uns lächerlich zu machen und ohne verurteilt zu werden, wenn lindgrün floppt.

So eine Perspektive hat noch etwas Gutes: Jetzt kann jeder etwas tun, das zur neuen Perspektive passt. Jedes Talent sucht sich einen Platz zum Wirken, tut, was es am besten kann und reicht den anderen die Hand. So steigen die Chancen, dass die Wette aufgeht. Denn wenn wir zusammen schwitzen, mit vollem Einsatz  bei der Sache sind und für unsere lindgrünen Shirts die Werbetrommel rühren – dann werden sie vielleicht sogar gekauft.

Nicht weil wir es vorher schon wussten, sondern weil wir für einen kleinen Schnipsel Zukunft einen roten Teppich ausgerollt haben und die Dame Zukunft sich verlocken liess, kurz draufzustehen.

So läuft das immer mit der Zukunft und dem Handelnmüssen. Wir tun uns mit anderen zusammen, die in der gleichen Klemme stecken und ringen uns gemeinsam zu etwas durch. Das kann dramatisch scheitern. Aber wir stehen nicht mehr allein da. Und weil wir zusammen nachgedacht haben, kommt mehr heraus als jeder im stillen Kämmerchen schafft.

Politiker, Manager und andere arme Teufel

Wenn Petra und ich jetzt über die Zukunft nachdenken, können wir uns ungeniert eingestehen, dass wir nicht wissen, was kommt.

Wir greifen nach den attraktivsten Strohhalmen und tasten uns Schritt für Schritt voran. Wir bilden Hypothesen, probieren etwas aus und schauen, was passiert. Vielleicht haben wir heute eine geniale Idee, die sich schon morgen als Irrtum erweist. Dann haben wir etwas dazugelernt und testen die nächste Idee. In allem kompetent geführt von Bauch und Nase, mit gelegentlichen Zwischenrufen der Vernunft.

Lachen Sie ruhig. In turbulenten Zeiten ist das die beste Strategie. Aber eine, die sich nur leisten kann, wer keinem Fremden Rechenschaft schuldet.

Deshalb können Politiker, Vorstände und Berater sie nicht benutzen. Sie müssen immer vernünftige Gründe parat haben. Am besten mit Studie und Statistik.

Man stelle sich eine Pressekonferenz vor, in der ein Bundesrat seinen Vorstoss wie folgt begründet: «Neulich beim Frühstück hat mich meine Frau auf die Idee gebracht, wir könnten bei der Einkommensteuer mal etwas Neues probieren. Sie kam drauf, als unsere Tochter im Sandkasten spielte. Und seither juckt es mich in den Fingern, das mal umzusetzen.»

Sowas dürfen Politiker nicht. Das dürfen nur Unternehmer, die ihr eigenes Geld verwetten. Politiker müssen sich absichern. Am besten mit harten Fakten, hinter denen renommierte Fachleute stehen.

Deshalb hören einflussreiche Leute gerne zu, wenn ein Professor die Zukunft voraussagt. Oder sie erfinden eigene Szenarien, die sie als Zukunft verwenden. Ist die Zukunft mal vorausgesagt, kann man alle Entscheidungen damit begründen. Vielleicht sogar einen Ritt nach Samarra.

Lesen Sie das bitte nicht als Politiker- oder Managerschelte. Es gehört bei diesen Berufen zum Job, Gewissheiten zu behaupten, wo keine sind. Denn Wähler und Shareholder sind Fluchttiere, die mit der Kutsche durchgehen, wenn es brenzlig wird. Ausserdem: Oft steckt hinter der schlichten Fassade viel aufmerksame Nachdenklichkeit, die unauffällig auf dem kleinen Dienstweg wirkt.

Warum wir Optimisten sind

Alle Achtung, wenn Sie jetzt noch hier sind. Sie haben sich das Happy-End verdient.

Wir sehen optimistisch in die Zukunft. Das kann ein Irrtum sein. Aber es spricht viel dafür.

Unsere Wirtschaft und unsere Gesellschaft sind lebendige Systeme, die sich dauernd verändern. Sie verändern sich, wie alles Lebendige, weder notwendig noch zufällig.

Weder notwendig noch zufällig – das braucht ein Beispiel:

Wenn zwei sich unterhalten, ist es immer etwas überraschend, was als Nächstes gesagt wird. Wäre es schon vorher klar, dann wäre es keine Unterhaltung, sondern ein militärisches Ritual oder eine Ehekrise.

Genauso wenig darf es blanker Zufall sein, was wir zueinander sagen. Wenn ich frage «Wie geht es Ihnen?» und Sie antworten «Das Pferd tanzt Samba.» und ich weitermache «Donnerstag gabs Nudeln.» wird es auch keine rechte Unterhaltung.

Das Beispiel zeigt: Lebendiges spielt sich zwischen Notwendigkeit und Zufall ab, mit einem Sicherheitsabstand zu beiden Seiten. Das ist auch gut so. Die Freiheitsgrade brauchen wir, um uns in turbulenten Zeiten freizuruckeln. Aber ganz beliebig können wir es auch nicht treiben, weil wir Körper ohne Flügel haben, Erinnerungen, Begabungen und Gewohnheiten, die begrenzen, was wir tun und denken können.

Hinzu kommt: Was lebendig ist, strebt nach Beständigkeit. Es gibt arme Schlucker, die im Lotto gewinnen, nur um ein paar Jahre später wieder arme Schlucker zu sein. Oder Unternehmen, die die neue Strategie nicht auf die Strasse bringen, weil keiner dran glaubt und Jogger, die bei jedem Wetter laufen gehen und Raser, die es auch bei Glatteis nicht lassen können und Köche, denen immer etwas Leckeres einfällt – egal was gerade noch im Kühlschrank ist.

Wegen dieser Sturheit fällt nicht alles auseinander, wenn in der Umwelt etwas Drastisches passiert. Sofort setzen schützende Reflexe ein. Ganz automatisch überlegen wir: «Wie kann ich möglichst viel von dem festhalten, was ich schon kenne?». Und erst wenn es gar nicht anders geht, machen wir etwas radikal Neues. Aber nur soweit und solange es unvermeidlich ist.

Solche Reflexe sind das sturmerprobte Fundament unserer Familien, unserer Institutionen und unserer Gesellschaft. Genau jetzt fragen sich Millionen Menschen: «Wie kann es weitergehen, ohne dass sich allzuviel ändern muss?». Nur eine Minderheit wird radikal neue Wege gehen und damit Kapitel aufschlagen, die wir uns nicht träumen lassen.

Ein kleines Bisschen werden wir alle uns verändern. Aber wir werden uns und unsere Welt leicht wiedererkennen, wenn das neue Normal da ist. (Das ist keine Voraussage, sondern eine begründete Hoffnung.)

Denn das ist der machtvolle Trick, den alles Lebendige drauf hat, der Trick, der es im Kern bestimmt, der Trick, wegen dessen es noch da ist:

Der Trick, sich ins Gleichgewicht zurückzuwursteln, wenn man gestrauchelt ist.

Das ist der Grund, warum Petra und ich glauben, dass das neue Normal vor allem eins ist: normal. Und mit normal, auch mit etwas anders normal, kommen wir klar.

Bis bald, auf der anderen Seite der Krise.

wiemeyer matthias rund

Herzliche Grüsse
Matthias Wiemeyer

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Hallo Petra und Matthias

Eure Newsletter sind die einzigen, die nicht dem Delete-Knopf zum Opfer fallen, bevor ich Buchstabe um Buchstabe gelesen und mich dabei bestens unterhalten habe. Danke für eure Gedanken(spielereien) und den Mut, anders...

Hallo Petra und Matthias

Eure Newsletter sind die einzigen, die nicht dem Delete-Knopf zum Opfer fallen, bevor ich Buchstabe um Buchstabe gelesen und mich dabei bestens unterhalten habe. Danke für eure Gedanken(spielereien) und den Mut, anders zu sein als alle anderen. Ich freue mich auf den nächsten Newsletter. Die meisten schaffen es sogar ins Archiv (statt in den Papierkorb).

Grüsse
Karin

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Gratuliere zu diesem gelungen Artikel! Sehr positiv - auch wenn der Positivismus ebenfalls zur Verzerrung neigt. Die angeführten Erzählungen taugen gut, um die Argumentation des Textes zu stützen. Ob sie der Situation aber tatsächlich gerecht werden?

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Liebe Karin, Lieber Michael
Gerade sehe ich, dass irgendetwas mit der Kommentarfuntion nicht richtig klappt. Ich kann nicht direkt auf eure Kommentare antworten. Also dann auf diese Weise: Danke für eure Anerkennung und fürs Mitdiskutieren. Das...

Liebe Karin, Lieber Michael
Gerade sehe ich, dass irgendetwas mit der Kommentarfuntion nicht richtig klappt. Ich kann nicht direkt auf eure Kommentare antworten. Also dann auf diese Weise: Danke für eure Anerkennung und fürs Mitdiskutieren. Das spornt uns an, weiterzumachen.
@Michael: Es könnte auch alles den Bach heruntergehen. Aber ich glaube nicht daran. Was man in Krisenzeiten oft unterschätzt, ist die Kraft überraschender Ideen. Wenn die Not, die bekantlich erfinderisch macht, am grösten ist, kommen auch starke Impulse von neuen Ideen. Neue Geschäfts- und Service-Ideen, aber auch neue Ideen für Betrügereien. Ich bekomme z.B. im Moment neue Mails, in denden ich aufgefordert werde, 2€ Porto nachzuzahlen, damit mein Paket zugestellt werden kann. Da kassiert jemand viele Leute mit kleinen Beträgen ab. Eine neue Betrugsidee, die deshalb lukrativ sein könnte, weil gerade viele Leute auf Pakete warten und der kelne Betrag nicht schmerzt. Also alles recht normal. Auch bei den bösen Buben.

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