Das Weihnachtselend

Das Weihnachtselend – Backanleitung für lesenswerte Weihnachtskarten

Es ist schon fast zu spät. Sie müssen dringend die Sache mit den Weihnachtskarten in Angriff nehmen. Sonst klappt das nicht mehr rechtzeitig. Und schon sind Sie in Rückenlage. Mal eben schnell ’ne Karte schreiben – das endet meist im Floskel-Elend. Nehmen Sie sich 5 Minuten Zeit für diesen Tipp und schreiben Sie etwas, das sich zu lesen lohnt. 

Ein Beispiel zum Einstieg

Auf einer Webseite mit Tipps für Weihnachtskarten (mama-tipps.de [inzwischen offline]) fand ich diesen Text:

«Weihnachtszeit - Zeit innezuhalten und das vergangene Jahr Revue
passieren zu lassen, das mit Höhen und Tiefen, aber auch einigen
Überraschungen wie im Fluge verging.»

So klingt Pflichterfüllung

Was empfinden Sie, wenn Sie eine Weihnachtskarte mit diesem Text erhalten?

Nicht viel?

Der Spruch geht eigentlich in Ordnung. Es stimmt ja alles. Wir alle möchten mal zur Ruhe kommen, durchschnaufen und aus sicherer Entfernung auf die Hektik des vergangenen Jahres zurückschauen. Aber diese Gedanken sind als Potpourri verbrauchter Floskeln angerichtet.

Das können Sie besser

Der Beispieltext schmeckt wie der gemischte Salat in einem schlechten Autobahnrestaurant.

Die Hauptzutaten sind: Krautsalat aus der Dose, ein paar rote Bohnen aus der Dose, etwas Mais aus der Dose, dazu noch ein Scheibchen Rote Beete aus der Dose und zur Gewissensberuhigung ein Stückchen holländische Tomate (nicht aus der Dose, aber aus dem Kühlschrank und aromabefreit) – gekrönt von einem dekorativ drapierten Blatt Kopfsalat.

Bei so einem Salat darf man eigentlich nicht meckern. Ist ja alles dabei. Salat und gemischt. Mit dem eingangs zitierten Kartentext ist es das Gleiche. Keiner wird Ihnen vorwerfen, Sie hätten sich im Ton vergriffen. Aber persönlich klingt anders. Vor allem Floskeln sollten Sie meiden. Wie das geht? Das zeige ich Ihnen im nächsten Abschnitt.

Floskelfreie Weihnachten

Ein floskelfreier Text klingt so, wies bei Mama schmeckt. Nicht aus der Dose, sondern frisch zubereitet. Floskeln sind so verbreitet, weil sie Ihnen ohne Nachzudenken in den Kopf geraten. Sie drängen sich auf, weil Sie sie schon unzählige Male gelesen haben. Daher sind sie der Tiefpunkt der Originalität.

Eine floskelhafte Weihnachtskarte sagt dem Empfänger: Hier wollte jemand seine Pflicht erledigen.
Eine individuelle Karte sagt: Hier hat jemand an mich gedacht. Wie schön.

Eine persönliche Weihnachtskarte, die auch so klingt

Sie können die Gedanken, um die es im Eingangs-Beispiel geht, auch ohne Floskeln formulieren. Überlegen Sie sich, wie es klänge, wenn Sie mit jemandem bei einer Tasse Tee zusammensässen und ein wenig über das vergangene Jahr philosophierten. Was waren Ihre persönlichen Höhen und Tiefen? Welche Überraschungen haben sich ereignet?

Ganz wichtig: Suchen Sie nach konkreten Einzelheiten. Nicht: «Das Jahr war anstrengend», sondern: «Erst der Umzug, dann der Rohrbruch – im ganzen Keller stand knietief das Wasser». Gleiches gilt für die schönen Erlebnisse, die Hoffnungen und guten Wünsche. Schreiben Sie konkret, sodass Ihre Leser ein Bild vor Augen haben, wenn sie Ihre Karte lesen.

Bei mir klingt das in diesem Jahr zum Beispiel so:

Lieber Max

Eine Pause. Die habe ich mir verdient. Viel Schönes hat mich in Atem gehalten: Das Julchen ist schon im zweiten Kinski und erzählt uns jeden Tag begeistert aus ihrer Kinderwelt. Wir haben viel mit ihr gelacht und über sie geschmunzelt. Und hatten unsere liebe Not, trotz Kind, neuem Lehrgang und neuen Filmprojekten den Überblick zu behalten. Das hat nicht immer ganz geklappt. Der Alltag macht ja keine Pausen. Er treibt uns vor sich her, bis uns die Luft ausgeht. Zum Glück kommen jetzt ein paar ruhige Wochen.

Ob wir es schaffen, die vielen Fotos einzukleben? Wir hoffen es.

Dir wünschen wir eine schöne Weihnachtszeit. Mit Plätzchen backen, Glühwein und guten Gesprächen. Komm uns doch mal besuchen. Dann backen wir zusammen Plätzchen.

Sei herzlich gegrüsst.

Dein Matthias

Keine Zeit zum selbst was Ausdenken?

Wenn Ihnen solche Texte nur schwer von der Hand gehen und Sie lieber doch eine Vorlage verwenden möchten, dann vielleicht diese: (Auf der gleichen Seite gefunden, von der auch das erste Beispiel stammt):

«Ich wünsche Euch ein frohes Weihnachtsfest,
ein paar Tage Gemütlichkeit mit viel Zeit zum Ausruhen und Genießen,
zum Kräfte sammeln für ein neues Jahr.
Ein Jahr ohne Seelenschmerzen und ohne Kopfweh,
ein Jahr ohne Sorgen,
mit so viel Erfolg, wie man braucht, um zufrieden zu sein,
und nur so viel Streß, wie Ihr vertragt, um gesund zu bleiben,
mit so wenig Ärger wie möglich und so viel Freude wie nötig,
um 365 Tage lang rundum glücklich zu sein.»

Das ist ein netter Weihnachtstext. Kein Geniestreich, aber auch nicht peinlich. Ausserdem können Sie ihn ja abändern, sodass er noch etwas persönlicher klingt. Das ist dann schon viel besser als die meisten Karten, die ich zu lesen bekomme.

Auch dieser hier gefällt mir, weil er salopp und mit einer kleinen Pointe daherkommt (wieder von der gleichen Seite):

«Wenn’s alte Jahr erfolgreich war,
dann freue Dich auf’s neue!
Und war’s schlecht - dann erst recht!
(Karl Heinz Söhler)»

Nur mit den Apostrophen*) hat es nicht recht geklappt. Und über die Ausrufungszeichen sagt unser Texter-Papst Paul Girard gelegentlich: Eins im Monat ist genug. Daher hier mein Gegenvorschlag:

«Wenns alte Jahr erfolgreich war,
dann freue Dich aufs neue.
Und wars schlecht – dann erst recht.
(Karl Heinz Söhler)»

Also dann – Nehmen Sie Ihre Lieben mal wieder in den Arm und drücken Sie sie von Herzen. Dann klappt das schon mit Weihnachten.

wiemeyer matthias rund

 

Herzliche Grüsse
Matthias Wiemeyer

 

 

*)«Aufs» wird immer ohne Apostroph geschrieben. Bein «wenns» und «wars» sind beide Schreibweisen zulässig. Mir gefällt es ohne besser.

P.S. Beim Weihnachtskarten-Wettbewerb aus dem Jahr 2013 finden Sie weitere Anregungen.

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Ich habe das gleiche Verfahren für meine Osterpost ausprobiert und fand, dass es gut geklappt hat. Aber Mühe macht es trotzdem, bis einem mal etwas Gutes einfällt.

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