Das rettende Ufer
Noch 52 Minuten
Spannung geht auch ohne Mord und Totschlag
Was bislang geschah: Markus Glaus zahlt die Löhne seiner drei Mitarbeiter seit Monaten vom Ersparten. Das Elternhaus in Horgen ist bis unters Dach beliehen. Seit drei Monaten fehlt das Geld für die Hypothek. Am Montag zieht die Bank den Stecker. Aber noch ist Freitag.
Markus muss auf die Fähre nach Meilen. Was er nicht sieht: Während er noch in der Schlange steht, steckt ein Mann in grauer Windjacke dem Kapitän ein Bündel Banknoten zu und verschwindet im Maschinenraum. …
Die Fähre von Meilen nach Horgen stampft durch die Dünung. Markus steht an der Reling, den Fahrtwind im Gesicht. Zum ersten Mal seit Wochen atmet er auf. Im Aktenkoffer liegt der Vertrag mit Kern Medizintechnik: eine Million Franken, 30 % Beteiligung, fällig bei Unterschrift. «Ich will den Unternehmer dahinter kennenlernen», hatte Walter Kern am Telefon gesagt. Deshalb der Zwischenstopp in Zürich. Deshalb der enge Zeitplan. Deshalb der Termin beim Notar in Meilen.
Markus sieht aufs Handy: Noch 52 Minuten. Reichlich Zeit.
Der Anleger kommt in Sicht. Er lockert die Schultern und steckt das Handy wieder ein. Dann horcht er auf.
Etwas fehlt. Kein Vibrieren unter den Füssen. Kein Brummen aus dem Schiffsbauch. Markus blickt sich um, sieht die verwunderten Gesichter der anderen Passagiere, spürt, wie das Schiff langsamer wird, dann antriebslos im Wasser treibt. …
Wir haben es kommen sehen. «Nimm nicht die Fähre!», hätten wir Markus gerne zugerufen. Aber er konnte uns nicht hören.
Was lernen wir daraus?
Spannung entsteht, wenn wir den Helden mögen, seine Sache unterstützen und ein Unheil kommen sehen, von dem er noch nichts ahnt. Das ist entscheidend: Die Spannung braucht einen Informationsvorsprung des Lesers vor dem Helden. Probieren Sie es aus: Stecken Sie dem Leser heimlich eine wichtige Information zu, die ihn das Schlimmste fürchten lässt und lassen Sie den arglosen Helden in die Falle tappen. Das fegt.
Herzliche Grüsse
Petra Huber und Matthias Wiemeyer