Die auffällig unauffällige Sprache und Gedankenführung von KI-Texten ist keine vorübergehende Schwäche. Sie ist konstruktionsbedingt. Sprachmodelle sind Statistik. Sie suchen das naheliegende nächste Wort. Das Wort, das per Definition nicht überraschend ist. Sie hängen am Durchschnitt wie die Kompassnadel am Nordpol. Der Kompass kann nicht zur Abwechslung mal nach Osten zeigen (wo der spektakuläre Sonnenaufgang wäre), weil das Magnetfeld der Erde keine Freiheitsgrade lässt.

Das bedeutet:

Für wirklich originelle Texte darf man KI nicht ans Ruder lassen. Wirklich originelle Texte brauchen originelle Köpfe, weil nur aus solchen Köpfen die überraschenden Einfälle kommen, die den Leser denken lassen: «So habe ich das noch nie gelesen.» Unsere Schule muss noch mehr als früher zu einer Texterschmiede für originelle Köpfe werden. Wir unterrichten nicht «Abkürzungen für Denkfaule», sondern «Entdeckungsreisen für Kreative», die sich selbst anstrengen, mit KI aber höher, schneller und weiter kommen.

Solche Gedanken sollten sich alle machen, die über Aus- und Weiterbildung nachdenken. Denn schon seit Google und spätestens seit ChatGPT muss sich vieles ändern. Das betrifft uns als Familie ganz direkt: Wir haben fünf Kinder. Die jüngste ist zwölf. Heute schreibe ich Ihnen, was ich als Vater im KI-Zeitalter über Schule und Ausbildung denke.

Die grosse Sorge

Auf meinen Vorträgen höre ich oft die berechtigte Sorge: «Die Menschen stumpfen mit KI immer mehr ab. Sie verlernen, selbst zu denken.» Trotzdem soll meine Tochter früh mit KI in Berührung kommen. Aber eben nicht als «Abkürzung für Denkfaule», sondern als Turbo für ihre Neugier, als Lernhelfer und als Türöffner für Neues.

Wie ich KI verwende

Gerade schreibe ich ein Fachbuch über funktionelle Medizin – obwohl ich kein Mediziner bin. Ich schreibe es vor allem für mich, weil mich das Thema brennend interessiert. Vor ein paar Jahren wäre das undenkbar gewesen. Zu viele Fachbegriffe hätten mich erschlagen, zu viel Vorwissen hätte gefehlt. Heute kann ich das Fachliche Schritt für Schritt von einem geduldigen KI-Tutor lernen. Das Buch ist dann eine Mitschrift meines eigenen Lernabenteuers. Es wird den neugierigen Blick eines gut informierten Laien auf diese neue Richtung in der Medizin dokumentieren. Es wird anstrengend und eine Freude sein, Platz in meinem Hirn zu schaffen. Aber am Ende bin ich Schritt für Schritt auf den Pilatus gekraxelt und werde mich der Aussicht hingeben. Müde, mit Muskelkater, aber spektakulär glücklich.

Was wir jetzt lernen müssen

Solche Erlebnisse wünsche ich auch meinen Kindern. Solche Erlebnisse entstehen nicht durch das Einsammeln von Wissen. Sie entstehen, wenn wir unseren eigenen Kurs setzen und unterwegs ein anderer oder eine andere werden.

Die Schule hat für solche Ideen nur in Sonntagsreden Verwendung. Sie beschäftigt Kinder hauptsächlich mit Auswendiglernen, das Auswendiggelernte abfragen und Noten verteilen. Das so erworbene Schulwissen ist wie eine Feldflasche voll Wasser auf einer Wanderung durch trockenes Gelände. Prima, wenn man sie dabei hat. Aber was ist schon eine Feldflasche voll Wasser im Vergleich zum Amazonas? Oder im Vergleich zu allen Flüssen und Seen auf der ganzen Welt?

Das Auswendiglernen wird unsere Kinder nicht beflügeln und es wird sie nicht auf eine Arbeitswelt vorbereiten, in der KI in allen Prozessen steckt. Auf wen wird man sich wohl verlassen, wenn es um Faktenwissen geht? Auf das Gedächtnis eines Sachbearbeiters oder auf eine KI, die in Sekunden weltweit alle Datenbanken durchforstet?

Wir müssen die Köpfe unserer Kinder nicht mit immer mehr Wissen füllen. Sie müssen suchen können. Finden kann die KI besser. Aufregend Neues entsteht nicht durch das Auffinden von Altem. Neues entsteht, wenn sich das Wissen der Welt mit unserer Neugier, unserem Entdeckergeist und unserer Spielfreude verbindet. Genau so, wie in meinem Buch über funktionelle Medizin. Es wird sich anders als alle anderen Bücher über Gesundheit lesen. Vielleicht ist es gerade deshalb die Lektüre, die chronisch Kranken wieder Grund zur Hoffnung gibt.

Wie ein Entdeckergeist entsteht

Kinder müssen erleben, wie es sich anfühlt, wenn ihre eigene Neugier sich entzündet – jenes warme, kribbelnde Gefühl, wenn eine Frage so drängend wird, dass sie uns nicht mehr ruhen lässt. Dann werden sie dieser Neugier folgen, von einem Gedanken zum nächsten, bis sich neue Zusammenhänge auftun und Ideen entstehen. Das ist zwar anstrengend, aber keine Plackerei. Das ist Entdeckerfreude. Es steckt schon im Wortsinn von «Neugier»: die Gier nach Neuem, die uns immer wieder verlockt, unsere Nase in fremde Angelegenheiten zu stecken – wenn wir sie nicht ersticken.

Konrad Lorenz, der berühmte Verhaltensforscher, brachte einmal einen Maikäfer zu seinem Vater und fragte ihn, ob er diesen Käfer kenne.

Sein Vater hätte ihm alles über Maikäfer erzählen können. Bestimmt hätte er seinen Sohn gerne mit seinem Wissen beeindruckt. Aber er tat etwas viel Besseres. Er sagte: «Weisst du was, da bin ich mir im Moment gar nicht so sicher. Geh doch mal in die Bibliothek zu den Bestimmungsbüchern. Schau mal nach – da müsstest du ihn irgendwo finden. Und dann komm zurück und berichte mir, was du herausgefunden hast. Das würde mich nämlich auch interessieren.»

Konrad lief sofort ins Haus und machte sich an die Arbeit. Helle Freude, als er den Käfer schliesslich fand. Und dann passierte etwas Wunderbares: Er blieb bei den Büchern hängen und vertiefte sich weiter. Er fand heraus, dass der Maikäfer viele Jahre lang als Engerling im Boden und nur sehr kurze Zeit in seiner Käferform lebt. Er erfuhr auch, warum es jahrelang kaum Maikäfer gibt und manchmal rechte Maikäferplagen. Sogar ein Rezept für Maikäfersuppe entdeckte er.

Sie sehen: Das Problem, vor dem wir heute mit der KI stehen, ist uralt. Schon immer gab es die Versuchung, Kindern die Arbeit des Entdeckens abzunehmen. Aber seit es Bibliotheken gibt, ist es nicht mehr so wichtig, was wir in unserem Kopf herumtragen, sondern was wir entdecken können, wenn wir uns auf den Weg machen.

Als er seinem Vater berichtete, strahlten beide.

Historisches Rezept für Maikäfersuppe aus einem alten Kochbuch

Kinderfragen

Wenn wir Kindern KI als Entdeckerwerkzeug zeigen möchten, beginnen wir am besten bei den Fragen, die sie ohnehin beschäftigen:

  • «Warum wird der Himmel abends rot, wenn er tagsüber blau ist?»
  • «Wieso rostet unsere Schaukel im Garten, aber das Plastikspielzeug nicht?»
  • «Warum taut der Schnee schneller, wenn man Salz draufstreut?»
  • «Wie schafft es die Seife eigentlich, den Schmutz von meinen Händen zu waschen?»
  • «Warum schwimmt ein riesiges Schiff, obwohl es so schwer ist – aber ein kleiner Stein geht unter?»
  • «Warum klebt ein Luftballon an der Wand, wenn ich ihn an meinen Haaren reibe?»
  • «Wieso geht die Kerze aus, wenn ich ein Glas drüberstülpe?»

Das sind die Alltagsrätsel, die Kinder zum Staunen bringen. Dieses Staunen können wir anfachen. Nicht indem wir ChatGPT um die Antwort bitten (die bringt die Neugier zum Erliegen). Sondern indem wir die KI bitten, uns auf eine Reise zu begleiten.

Stellen Sie sich vor, Ihr Kind fragt: «Warum wird der Himmel abends rot?»

Der schlechte Prompt wäre:

«Warum wird der Himmel abends rot?»

Geben Sie ChatGPT lieber Anweisungen wie diese (auf den genauen Wortlaut kommt es nicht an):

Du bist ein begeisternder Erklärer, der Kinderfragen beantwortet und dabei ihre Neugier weckt.
Deine Sprache ist klar, respektvoll und dem Alter angemessen - ohne übertriebene Begeisterung oder Emojis.

So gehst du vor:

  1. Beantworte die Frage vollständig und verständlich
  2. Erweitere dann den Horizont durch:
    • Verbindungen zu anderen Bereichen: “Das gleiche Prinzip wirkt auch bei…"
    • Grössere Zusammenhänge: “Das ist Teil von etwas Grösserem…"
    • Praktische Anwendungen: “Deshalb funktioniert auch…"
  3. Stelle eine weiterführende Frage, die zum Nachdenken anregt
  4. Schlage eine konkrete Beobachtung oder ein einfaches Experiment vor

Dein Ziel: Die beantwortete Frage wird zum Sprungbrett für neue Entdeckungen. Das Kind soll denken: “Aha! Und was ist dann mit…?"

Bevor du antwortest, frage sachlich nach dem Alter des Fragestellers.

Qualitätsprüfung:

  1. Hast du die ursprüngliche Frage beantwortet?
  2. Hast du mindestens eine Verbindung zu anderen Phänomenen gezeigt?
  3. Hast du eine Frage gestellt, die zum Weiterdenken einlädt?
  4. Hast du eine praktische Aktivität vorgeschlagen?

Wer so fragt, nutzt KI nicht als Ersatz für eigenes Nachdenken, sondern um sich von Frage zu Frage zu hangeln und den eigenen Horizont zu erweitern. Im Unterschied zur Schule wird diese Reise Ihre Kinder wahrscheinlich interessieren, weil der Ausgangspunkt ihr eigenes Staunen ist.

Gehirn benutzen

Wenn Kinder sich entwickeln sollen, müssen sie ihr Gehirn benutzen. Sie müssen die harte, schöne Arbeit des Denkens selbst leisten und die Maschine nur als Wissensbeschaffer hinzuziehen. Sie folgen dem Kompass ihrer Neugier. So verbindet sich das Wissen mit ihrem Staunen und ihrer Lebenserfahrung und macht daraus etwas Individuelles, das nur sie haben. Dieser Rucksack des Individuellen ist das Wertvollste, das sie beim Lernen im Zeitalter von KI gewinnen können. Denn diese eigene Perspektive kann keine KI der Welt beitragen.

KI kann Kindern helfen, ihre Neugier ernst zu nehmen und in echte Erfahrungen zu übersetzen. Sie wird zum Werkzeug, das nicht nur Antworten liefert, sondern auch zu Folgefragen ermuntert. Fangen Sie heute damit an. Nehmen Sie die nächste Warum-Frage Ihres Kindes ernst. Machen Sie daraus eine kleine Expedition ins Unbekannte – mit der KI als Sherpa, aber Ihr Kind trägt den Rucksack selbst. Am Ende wird es müde und glücklich sein. Und um eine Entdeckung reicher.

Mein Mantra für Bildung im Zeitalter von KI lautet daher:

«Lerne das, was KI nicht kann.»

Natürlich brauchen wir auch einen Rucksack mit klassischem Wissen. Aber den füllt die Schule ohnehin. Das Andere, das was jetzt immer wertvoller wird, darum müssen wir Eltern und Lehrer uns persönlich kümmern.

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Danke.

Das wars für heute.

wiemeyer matthias rund

Herzliche Grüsse
Matthias Wiemeyer