Oberflächlich stimmt das, reicht aber bei weitem nicht, um die eigene berufliche Zukunft zu sichern. Auch Menschen mit KI-Kenntnis droht die Arbeitslosigkeit, wenn sie die falschen Schlüsse aus der KI-Entwicklung ziehen.

Das ist ein vielschichtiges und kompliziertes Thema, aber heute nehmen wir uns Zeit dafür. Lehnen Sie sich zurück, schalten Sie alle Ablenkungen aus und folgen Sie einfach meinen Überlegungen. Es wird sich lohnen.

Wie nutzen Sie KI?

Wenn Sie KI verwenden, um sich das Leben leichter zu machen, sägen Sie an dem Ast, auf dem Sie sitzen. Selbstverständlich müssen Sie KI nutzen, um in Minuten zu erledigen, was früher Stunden gebraucht hat. Sonst sind Sie einfach zu langsam. (Insoweit stimmt der Satz, Sie könnten Ihren Job an einen Kollegen mit KI-Kenntnissen verlieren.)

Aber danach müssen Sie sich unbedingt eine clevere Antwort auf die folgende Frage einfallen lassen:

Was machen Sie mit der freigewordenen Zeit?

Wissen und Können

Für die Antwort auf diese Frage ist eine Unterscheidung wichtig, nämlich die zwischen Wissen und Können.

Wissen kann man in Datenbanken speichern, per E-Mail verschicken oder in Lehrbüchern und Arbeitsanweisungen dokumentieren. Wer durchschnittlich klug ist und sich Mühe gibt, kann es sich aneignen.

Darum geht es in der Schule. Sie können sich ein Lehrbuch über Buchhaltung kaufen, es sorgfältig durchlesen, die wichtigen Textstellen markieren, zentrale Buchungssätze auswendig lernen – und dann die Buchhaltung Ihrer Würstchenbude selbst erledigen. Halten wir fest:

Wissen erwirbt man durch Lernen.

Können lässt sich nicht speichern oder übertragen. Es hängt an einer Person. Es beruht hauptsächlich auf Gefühl. Es befähigt uns, Probleme zu lösen, selbst wenn wir nicht durchschauen, wie genau wir es tun.

Ein Hochseilakrobat kann auf einem Seil zwischen zwei Wolkenkratzern laufen. Wenn Sie auch so hoch hinaus wollten, könnten Sie ein Lehrbuch über Hochseilarbeit lesen, die wichtigen Stellen anstreichen und zentrale Lehrsätze auswendig lernen. Aber wenn Sie es dann selbst versuchen würden, müssten Sie Ihre Würstchen auf dem Friedhof verkaufen. Ihre einzige Chance wäre, mit einem niedrig gespannten Seil zu beginnen, hundertmal herunterzufallen, wieder aufs Seil zu gehen und so lange zu üben, bis es klappt. Halten wir fest:

Können erwirbt man durch Üben.

Im KI-Zeitalter immer wichtiger: Ihr persönliches Können

Schauen wir uns das Können noch etwas genauer an. Denn das Können ist die Schlüsselkompetenz im Zeitalter nach der Wissensarbeit. Können ist eine durch Talent und Übung erworbene persönliche Fähigkeit. Es ist ganz typisch, dass Könner nicht wissen, warum ihnen leicht fällt, was anderen schwer fällt. Ein paar Merkmale findet man jedoch immer wieder:

  • Könner lassen sich in ihrem Handeln nicht nur von Wissen leiten. Sie folgen auch einem körperlichen Gefühl für Stimmigkeit. Ihr «Bauch» sagt ihnen, wie es weitergeht. Deshalb können sie ihre Erfolgsrezepte weder erklären noch rechtfertigen.
  • Es reicht nicht, das Handeln der Könner zu kopieren. Ihr Handeln ist nur der äussere Ausdruck ihrer geübten Intuition. Das zu kopieren ist wie das Auswendiglernen eines Gedichts: Es macht Sie nicht zu einem Dichter.
  • Wer ein Könner werden will, braucht als Basis ein Talent. Ein Talent zu haben, heisst vor allem: von einem Problem fasziniert zu sein. Auch Talente bekommen ihr Können nicht geschenkt. Aber sie sind motiviert, solange zu üben, bis es klappt. Zweifel? Fragen Sie den Olympiasieger Ihres Vertrauens.
  • Gut für Sie: Ihr Können klebt an Ihnen. Wenn Sie gehen, geht es mit Ihnen. Für Können gibt es keinen Patentschutz. Der Weg zum Können ist so steinig und individuell, dass man es nicht stehlen, kaufen oder geschenkt bekommen kann.

Jetzt nehmen wir den Faden vom Anfang wieder auf. KI entlastet uns von Routinearbeit und dann stellt sich die Frage: Was tun mit der gewonnenen Zeit? Inzwischen ist klar: Wir müssen Könner werden.

Nach der Wissensarbeit? Können.

Reine Wissensarbeit ist (für Menschen) bald Geschichte. Das kann KI besser, schneller, billiger, ermüdungsfrei, mehrsprachig, rund um die Uhr und ohne Ferien.

Aber in Ihrem Können sind Sie der KI voraus. Und weil es an Ihnen klebt, wird das auch so bleiben. Es liegt also nahe: Die Zukunft der Arbeit braucht Ihr Können. Natürlich kommen Wissen und Können nicht isoliert voneinander vor. Jede Tätigkeit benutzt beide Facetten der Kompetenz. Aber wer fast nur Wissen benutzt, hat wenig zu bieten, um neben KI in Zukunft zu bestehen.

Ihr persönliches Gefährdungspotenzial können Sie ganz einfach testen. Fragen Sie sich:

Wenn jemand neu in Ihre Abteilung käme, der das Bücherwissen zu Ihrem Fachgebiet im Kopf hat; wäre er in der Lage, Sie nach kurzer Einarbeitungszeit zu ersetzen?

Wenn die Antwort «Ja» lautet, müssen Sie sich Sorgen machen. Und wenn die Antwort «Nein» lautet, lohnt es sich darüber nachzudenken, woran das liegt. Da macht sich Ihr Können bemerkbar. Das wollen Sie ausbauen.

Wenn man es sich erst einmal angewöhnt hat, nach Können zu fahnden, findet man es überall.

Es gibt Lehrer, die die zappeligste Klasse für ihr Thema gewinnen, während andere kapitulieren. Es gibt Führungskräfte, die Teams motivieren, obwohl die Lage beinahe ausweglos ist. Es gibt Verkäufer, die dreimal mehr Abschlüsse machen als alle anderen. Das sind die Könner. Sie gehen mit einer Zuversicht in schwierige Situationen, die uns Normalos staunen lässt.

Die überforderten Lehrer, die glücklosen Verkäufer, die hilflosen Führungskräfte haben sicher schon Bücher gelesen, wie es gehen könnte. Aber sie können es trotzdem nicht. Denn um das Können der Könner zu übernehmen, müssten sie das Leben leben, das diese Menschen gelebt haben. So wie Monika.

Assistentin mit stählernen Nerven

Als ich noch Banker war und eine neue Abteilung aufbauen durfte, haben wir einen Assistenten oder eine Assistentin gesucht. Wir waren ein quirliges Team, das viel auf die Beine gestellt hat. Wir brauchten dringend eine nerven- und durchsetzungsstarke Person, die in hektischen Zeiten die Übersicht behielt und etwas Ordnung in unser kreatives Chaos brachte.

Die meisten Bewerber:innen hatten zwar die üblichen Fachausweise, aber nicht die stählernen Nerven, die wir suchten. Schliesslich haben wir Monika eingestellt, die jahrelang am Empfang eines Spitzenhotels gearbeitet hat. Wer nachts um vier eine dreissigköpfige Reisegruppe bändigen kann, den bringt so leicht nichts aus der Ruhe. (Triebwerkschaden, 16 Stunden Verzögerung in Ankara, alle todmüde, am Empfang ist Monika allein, die Warteschlange wächst …)

Das ist Können. Je mehr Sie davon haben, umso besser für Sie.

Aber wie macht man das, «das eigene Können entfalten»?

Oft beginnt es mit dem Sprung ins kalte Wasser. Einer säuft ab, der andere entdeckt seine Freude am Schwimmen. Das wird mal ein:e Könner:in.

Ich zum Beispiel kann nicht nur schreiben, sondern auch Sachen reparieren. In meiner Familie gilt der Spruch: «Es ist erst kaputt, wenn Papa es nicht mehr reparieren kann.» Eigentlich ist das ein Unding, denn ich habe nichts von dem gelernt, was ich auf diesem Gebiet kann. Ich habe Philosophie und Betriebswirtschaftslehre studiert und trotzdem habe ich vor ein paar Jahren die Laugenpumpe unserer Waschmaschine ersetzt und vor ein paar Monaten den Wärmetauscher unserer Spülmaschine. Die Technik in solchen Geräten ist nicht so kompliziert, dass ich sie nicht verstehen könnte. Also habe ich mich so lange schlaugemacht, bis ich wusste, wie es geht. Es hat nicht auf Anhieb geklappt und zwischendurch habe ich geflucht und gedacht: «Du schaffst es nicht.» Aber ich wollte es wissen und habe so lange probiert, bis es gelang. Und weil ich das schon seit Jahrzehnten so mache, traue ich mir inzwischen einiges zu.

Können erwacht, wenn Sie auf ein Problem treffen, das zu Ihnen passt. Ein Problem, das Ihren Jagdinstinkt weckt, dessen Schwierigkeiten Sie anspornen, statt Sie abzuschrecken. Ein Problem, das für Sie zu einer sportlichen Herausforderung wird, während es für Ihren Kollegen aus der Nachbarabteilung als entmutigendes Fiasko endet.

Die richtigen Probleme finden

Aber dazu brauchen Sie Gelegenheit. Sie müssen in genau die Schwierigkeiten geraten, die zu Ihren Talenten passen und in Ihrer Firma nützlich sind. Nur so entwickelt sich das Können, das Sie in Ihrem Job unersetzlich macht.

Wenn Ihr jetziger Job (als Formel-1-Rennfahrerin, Sozialarbeiter oder Hundetrainerin) Ihnen ausreichend Probleme serviert, die Ihr Können stimulieren, müssen Sie nichts unternehmen. Aber wenn Sie in einem Grossraumbüro hocken und Dienst nach Vorschrift machen, stecken Sie in Schwierigkeiten.

In einigen Jahren wird der Grossteil der Routine-Büroarbeit schneller und billiger von KI-Systemen erledigt. Wenn Sie dann kein Können haben, das unverzichtbar für Ihren Arbeitgeber ist, ist Ihre Karriere am Ende.

Deshalb müssen Sie heute anfangen, sich regelmässig mit Problemen zu versorgen, die für Sie lösbar, aber für andere unlösbar sind. Vielleicht müssen Sie das gegen den Widerstand Ihres Arbeitgebers tun (der den Schuss noch nicht gehört hat und sie zu stupider «Akkordarbeit» antreibt).

Gehen Sie auf keinen Fall den Weg des geringsten Widerstandes. Gehen Sie den Weg des für Sie am besten geeigneten Widerstandes.

Zeit für das Unbequeme

Jetzt sagen Sie vielleicht: «Bei aller Freundschaft, aber wo soll ich die Kraft hernehmen? Wie soll ich neben diesem Bürojob, der mich rädert, noch nach neuen Problemen suchen, die ich mir zusätzlich aufhalse?»

Ich verstehe Ihre Erschöpfung und Ihre Sehnsucht nach Ruhe in diesen rastlosen Zeiten. Aber die Karawane bleibt für keinen stehen. Sie ziehen mit oder Sie bleiben zurück. Die drei, fünf oder zehn Stunden pro Woche, die KI Ihnen schenkt, müssen Sie anders nutzen: experimentieren, Neues ausprobieren, herausfinden, wofür Sie brennen. Eine Fähigkeit entwickeln, die nur Sie haben.

Ja, das ist anstrengend. Aber es ist auf eine belebende Art anstrengend, dem eigenen Können hinterherzuspüren. So wie es anstrengend und belebend ist, sich beim Sport etwas zuzumuten. Meine Hoffnung ist, dass die vielen Büromenschen, die ihr Job anödet, durch das Projekt «Können» wieder mehr Freude an ihrer Arbeit gewinnen.

Ausgerechnet KI hilft

Die Ironie: Ausgerechnet KI – die Technologie, die unser Wissen entwertet – gibt uns auch Werkzeuge, um unser Können zu entwickeln. Nutzen Sie KI als Sparringspartner. Testen Sie Ideen, stossen Sie in Bereiche vor, für die Sie früher nie Zeit hatten. Zwar kann KI nur Wissen beisteuern, aber sie kann die Wissenslücken schliessen, die Sie am Durchstarten hindern. Sie können einen unendlich geduldigen KI-Tutor so lange löchern, bis Sie auch das letzte Detail der Theorie begriffen haben, die Ihnen bislang zu schwierig war.

Idealerweise unterstützt Ihr aktueller Arbeitgeber Sie darin und lässt Sie an neuen Problemen üben. Aber wenn Ihr Arbeitgeber nur verständnislos mit dem Kopf schüttelt, weil Sie sich zusätzliche Probleme aufhalsen wollen, müssen Sie wahrscheinlich die Stelle wechseln. Oder Sie reduzieren das Pensum und experimentieren nebenbei, scheitern, beginnen neu – parallel zu Ihrem alten Job, der die Rechnungen bezahlt. Werden Sie zum Doppelagenten in Ihrem eigenen Leben. Oberflächlich funktionieren Sie weiter als Wissensarbeiter. Heimlich entwickeln Sie bereits Ihr Können. Das, was Sie unersetzbar macht. Das, wofür man Sie in Zukunft bezahlen wird.

Sie stehen an der wichtigsten Weggabelung Ihres Berufslebens. Fangen Sie jetzt an. Widerstehen Sie der Verlockung, es sich leicht zu machen. Werfen Sie sich in die Schwierigkeiten, die Sie beflügeln. Nutzen Sie die Möglichkeiten der KI, um Ihrem Leben neue aufregende, bewegende, anstrengende und befriedigende Seiten abzugewinnen. Mein Applaus ist Ihnen sicher.

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Danke.

Das wars für heute.

wiemeyer matthias rund

Herzliche Grüsse
Matthias Wiemeyer