Stellen Sie sich vor, Sie sitzen beim Hautarzt im Sprechzimmer. Er mustert Sie und fragt plötzlich: «Was haben Sie denn da für einen Pullover an?»
In Ihrem Kopf rattert es los: Hautreaktion auf Wolle? Zusatzstoffe im Waschmittel? Was hat er gegen meinen Pullover?
«Der gefällt mir so gut», sagt der Arzt dann. «Ich suche noch ein Geburtstagsgeschenk für meine Frau. Wo haben Sie den gekauft?»
Sie atmen auf. Ein Missverständnis. Sie waren einer falschen Fährte gefolgt, weil Sie annahmen, es ginge bei der Pullover-Bemerkung um Ihre Haut.
Das haben Sie bestimmt auch schon erlebt – diese Sekunde der Verwirrung, in der Ihr Gehirn nach Orientierung sucht.
Unser Gehirn sortiert – meistens richtig
Sobald wir einen Satz lesen oder hören, sortieren wir ihn blitzschnell ein. Unser Gehirn versucht zu erraten, worauf es hinausläuft, und stellt uns mental schon darauf ein. Bei vertrauten Themen verstehen wir schneller und fühlen uns im Inhalt gleich zu Hause. Auch komplizierte Gedankengänge erschliessen sich leichter, wenn wir Neues in Beziehung zu Bekanntem setzen.
Aber in der Beispielgeschichte mit dem Hautarzt versagt diese Vorsortierung. Der Kontext führt uns in die Irre. Wir meinen, die Pullover-Bemerkung habe etwas mit unserer Gesundheit zu tun. So prescht unser Gehirn in die falsche Richtung davon.
Gerade bei komplizierten Inhalten ist es wichtig, die Leser:innen zu führen. Ein elegantes Mittel sind die Textscharniere.
Wegmarken in unbekanntem Terrain
Denken Sie an einen Text zurück, der einfach nicht funktionieren wollte. Wo die Leser:innen absprangen, obwohl Sie sich so viel Mühe gegeben hatten. Diesem Text hätten Textscharniere vielleicht gutgetan.
Textscharniere sind Wörter oder Halbsätze, die die Beziehung zwischen Gedanken verdeutlichen. Ein ganz einfaches Beispiel ist das Wörtchen deshalb. Nehmen wir an, Sie stehen auf der Skipiste, blauer Himmel, die Sonne scheint, und das Licht ist ganz schön grell, weil der Schnee es fast wie ein Spiegel reflektiert. Wenn Sie jetzt schreiben:
Beim Skifahren ist das Licht oft grell, weil die schneebedeckten Hänge das Sonnenlicht reflektieren. Deshalb empfiehlt es sich, eine Sonnenbrille zu tragen.
Das Wörtchen deshalb zeigt einen Begründungszusammenhang. Der erste Satz ist die Begründung für die Empfehlung.
Sie könnten das «deshalb» auch weglassen. Die allermeisten Menschen verstehen den Gedanken auch ohne Textscharnier. Aber wer aus einem Land kommt, wo nie Schnee liegt oder wo man nicht Ski fährt, mag Mühe haben, diesen Zusammenhang herzustellen. Diesem Leser hilft Ihr Textscharnier – und alle anderen werden es kaum bemerken, so bescheiden, wie es sich in den Satzfluss einfügt.
«Deshalb» ist nur ein Beispiel. Die deutsche Sprache kennt ein ganzes Arsenal an Textscharnieren; jedes mit seiner eigenen Funktion.
Der Textscharnier-Zoo
Textscharniere sind für mich schon beinahe etwas Magisches. Oft reichen schon ein oder zwei Silben, um einem Text spürbar mehr Klarheit und Strahlkraft zu verleihen.
Das Wörtchen «jedoch» kann die Richtung eines Arguments komplett umdrehen. «Ausserdem» legt noch eine Schippe drauf. «Im Gegensatz dazu» stellt zwei Welten gegenüber. So erkennen wir mühelos, wie die Argumentation gerade verläuft.
Auch ein kurzer (Halb-)Satz kann als Textscharnier wirken:
Moderne Diagnostik kann Krebs heute schon in frühen Stadien entdecken. Dadurch steigen die Heilungschancen dramatisch. Kritiker sagen jedoch: Durch den Fokus auf Bilder und Daten geht die ganzheitliche Wahrnehmung des Menschen verloren.
«Kritiker sagen jedoch …», «Greenpeace hält dagegen …», «Werner Kuenzi von der ETH stimmt zu …» – das sind Textscharniere, die Leser:innen an die Hand nehmen. Sie enthalten kaum eigenen Inhalt, sorgen aber für eine übersichtliche Sortierung der Gedanken.
Manchmal hilft ein geschickt wiederholter Schlüsselbegriff. Sie schreiben über Suchmaschinenoptimierung. Am Ende eines Absatzes steht:
Man muss sich überlegen, ob man für Webseitenbesucher oder für Suchmaschinen schreibt. Viele sagen, das sei nicht dasselbe.
Den nächsten Absatz beginnen Sie mit:
Webseitenbesucher wünschen sich nicht nur nüchterne Information. Die Lesefreude steigt, wenn Sie Ihr Wissen mit etwas Humor und originellen Metaphern würzen …
Durch die Wiederholung von «Webseitenbesucher» ist klar: Wir sind jetzt bei den Menschen, nicht bei den Algorithmen. Die Leser:innen danken es.
Es gibt natürlich noch viel mehr Textscharniere:
- Die zeitlichen Verbinder: «zunächst», «anschliessend», «schliesslich»
- Die begründenden: «weil», «da», «aufgrund»
- Die einschränkenden: «allerdings», «zwar…aber», «trotzdem»
Jedes Textscharnier ist ein Wegweiser Ihres Gedankenflusses. Es sagt: «Hier geht’s geradeaus weiter» oder «Achtung, wir wenden» oder «Gleich kommt eine scharfe Kurve».
Neben Richtungswechseln können Sie auch Betonung durch Textscharniere markieren: «Vor allem fällt auf» – das schafft Fokus. «Besonders wichtig dabei ist» – das setzt Prioritäten. «Anders ausgedrückt» – das erklärt noch einmal neu.
Wo fehlt ein Scharnier?
Diesen Trick hat mir einmal eine Redakteurin der NZZ verraten. Er hat mir sofort eingeleuchtet, und deshalb achte ich seit dieser Zeit bei jedem Text darauf, wo Textscharniere helfen könnten.
Lesen Sie Ihren nächsten Text laut vor. Wo Sie gedanklich ins Stocken geraten, wo der Übergang holpert, wo Sie selbst kurz nachdenken müssen – fehlt vielleicht ein Textscharnier.
Die kleinen Helfer kosten kaum Platz, nur etwas Aufmerksamkeit dafür, wo sie sich nützlich machen können. Bestimmt nutzen Sie heute schon unbewusst an manchen Stellen Textscharniere. Vor allem die zeitlichen und die begründenden findet man oft. Und mit Ihrer neu geschärften Aufmerksamkeit werden Sie in Zukunft noch ein paar weitere einsetzen und die von Ihnen angezettelten Gedankenreisen so gut beschildern, dass Ihre Leser:innen sich mühelos zurechtfinden.
Und da Sie bis hierhin gelesen haben, scheint Sie das Thema so sehr zu interessieren, dass Sie in Zukunft bestimmt noch öfter Gebrauch von Textscharnieren machen.
Ab morgen mit Scharnier
Stellen Sie sich vor: Morgen schreiben Sie ein wichtiges E-Mail, einen Bericht oder einen Blogbeitrag. Und plötzlich fällt es Ihnen auf – hier fehlt ein «jedoch», das Ihren Einwand elegant einleitet. Oder ein «vor allem», das den Kern Ihrer Aussage zum Strahlen bringt. Oder das «deshalb», das Ihre Argumentation wasserdicht macht.
Ein Dankeschön werden Sie dafür von Ihren Lesern nie hören. Sie werden nicht sagen: «Was für grossartige Textscharniere!» Aber sie werden etwas viel Wertvolleres tun: Sie werden Ihren Text zu Ende lesen. Sie werden ihn verstehen und Ihrem Gedankengang folgen.
Jetzt wissen Sie schon beinahe alles, was man über Textscharniere wissen kann. Selbstverständlich behandeln wir das Thema auch in unserer Schreibwerkstatt – gemeinsam mit seinem grossen Bruder, dem roten Faden, zu dem wir hier auch einen Blogartikel haben.
Textscharniere im Überblick
Als kleinen Service für Sie und um Ihre Fantasie anzuregen, in welcher Gestalt Textscharniere auftreten können, hier eine (unvollständige) Liste möglicher Textscharniere als Inspiration:
Folgerungen und Schlussfolgerungen
- deshalb, daher, darum
- folglich, infolgedessen, demzufolge
- also, somit, demnach
- daraus ergibt sich, das bedeutet
- mit anderen Worten
Gegensätze und Widersprüche
- aber, jedoch, allerdings
- trotzdem, dennoch, gleichwohl
- hingegen, dagegen, andererseits
- im Gegensatz dazu, im Unterschied dazu
- während, wohingegen
- zwar…aber
Begründungen
- weil, da, denn
- nämlich, schliesslich
- aufgrund, wegen
- aus diesem Grund
- das liegt daran, dass
Ergänzungen und Erweiterungen
- ausserdem, zudem, ferner
- ebenfalls, auch, ebenso
- darüber hinaus, des Weiteren
- nicht nur…sondern auch
- sowohl…als auch
Zeitliche Abfolgen
- zunächst, zuerst, anfangs
- dann, danach, anschliessend
- gleichzeitig, währenddessen, dabei
- schliesslich, zuletzt, abschliessend
- vorher, nachher, später
Beispiele und Konkretisierungen
- zum Beispiel, beispielsweise, etwa
- wie, so wie, wie etwa
- das heisst, sprich
- konkret, genauer gesagt
- unter anderem
Hervorhebungen
- vor allem, besonders, insbesondere
- hauptsächlich, in erster Linie
- entscheidend ist, wichtig dabei
- bemerkenswert ist
- auffällig ist
Einschränkungen
- zumindest, wenigstens, immerhin
- teilweise, zum Teil
- gewissermassen, sozusagen
- eigentlich, im Grunde
- möglicherweise, vermutlich
Zusammenfassungen
- kurz gesagt, kurzum
- zusammenfassend, insgesamt
- letztendlich, schlussendlich
- alles in allem
- auf den Punkt gebracht
Zu guter Letzt: Helfen Sie uns und teilen Sie diesen Artikel in den sozialen Medien oder per E-Mail. Wir haben kaum Budget für Werbung und sind auf Empfehlungen angewiesen.
Danke.
Das wars für heute.
Herzliche Grüsse
Matthias Wiemeyer
