Der Vortrag kam gut an. Aber das Schönste war etwas anderes: die Gesellschaft dieser Menschen zu geniessen.

Nie zuvor hatte ich so viele Leute an einem Ort getroffen, die sich von Oberflächlichkeiten nicht beeindrucken liessen. Die alltägliche Begegnung mit Menschen, deren Überleben auf dem Spiel steht, rückt die Prioritäten zurecht – weg vom schönen Schein, hin zum wahren Sein.

Dann passierte eine Weile nichts. Aber vorgestern Abend, unter der Dusche, dachte ich über Klischees und Floskeln nach – und plötzlich kam mir der Kongress wieder in den Sinn. Was für verrückte Gedankensprünge man manchmal macht, dachte ich zuerst. Aber dann wurde mir klar, dass ich etwas Wichtigem auf der Spur war.

Klischees sind nämlich besser als ihr Ruf. Deshalb dürfen wir sie nicht zum Teufel jagen. Schauen wir uns das mal genauer an.

Für Denkfaule

In originellen Texten haben Klischees und Floskeln nichts verloren. Kaum etwas ist peinlicher als der Hinweis: «Das ist aber doch recht klischeehaft erzählt.»

Die Kritik ist berechtigt: Klischees und Floskeln sind Hängematten für Denkfaule. Wir schwingen uns hinein und lassen uns gehen; reihen Worthülsen aneinander, ohne das Hirn einzuschalten.

Aber wer schreibt, gibt ein Versprechen. Das Versprechen lautet: «Hier hat jemand nachgedacht, damit du als Leser nicht bei null anfangen musst.» Wer sich treiben lässt, statt die Arbeit des Nachdenkens zu verrichten, bricht das Vertrauen seiner Leser.

Was Floskeln von Klischees unterscheidet

Eine Floskel bedeutet nichts. Sie soll nur ein bisschen gute Laune verbreiten, wo ansonsten nicht viel los ist – zum Beispiel am Ende eines Geschäftsbriefes, wenn der Absender versichert: «Für Rückfragen stehe ich jederzeit zur Verfügung.» Eine glatte Lüge, wie Sie leicht herausfinden können, wenn Sie nachts um drei bei ihm zu Hause anrufen.

Ein Klischee ist genauso wenig originell wie eine Floskel. Aber hinter dem Klischee steckt oft ein Stück Lebensklugheit.

Das Sonntagsfrühstück

Stellen Sie sich vor: Eine Familie sitzt an einem hübsch gedeckten Tisch und geniesst ihr Sonntagsfrühstück. Frühstückseier, Blumenstrauss, frische Brötchen. Man unterhält sich miteinander und lächelt sich an. Die Eltern streicheln ihren Kindern über die Köpfe und alle geniessen das heimelige Miteinander.

Ein kitschiges Klischee, denken Sie jetzt vielleicht. So etwas könnte man sich in einer fantasielosen Kaffee-Reklame vorstellen. Fällt den Werbefuzzis denn nichts Besseres ein?

Aber eine Familie, die gemeinsam am Tisch sitzt und sich Zeit füreinander nimmt? Das ist trotzdem wunderbar.

Ein schön gedeckter Tisch sagt: Für das hier nehmen wir uns Zeit, das hier ist wichtig. Die Handys sind ausgeschaltet oder irgendwo versorgt, wo sie nicht ablenken können. Solche Bilder, klischeehaft oder nicht, verkörpern oft das Einfache, Grundlegende, das wir in diesen überdrehten Zeiten manchmal aus den Augen verlieren.

Raffinesse als Irrweg

Die Hersteller von Luxusgütern verbreiten gern die Vorstellung, das Einfache sei bei weitem nicht genug. Das Olivenöl muss von abgelegenen Südhängen kommen, von Hand gepflückt, kalt gepresst in limitierter Auflage hergestellt. «Das bin ich mir wert.», sollen wir denken, während wir unser sauer verdientes Geld in solchen Schnickschnack investieren.

Ab 30 muss ich Antifaltencreme kaufen, weil es peinlich ist, wenn mein Gesicht mein Alter verrät. Auf meiner Kleidung müssen die richtigen Labels kleben, damit ich zu den coolen Leuten gehöre.

Das verschlingt viel Zeit und Geld; alles im Dienst der Sehnsucht, im eigenen Leben anzukommen. Dabei sind die Coolen die, denen solche Konventionen schnurzpiepegal sind.

Das war es, was mir auf dem Onkologie-Kongress so gut gefallen hat. Dort war ich unter Menschen, die jeden Tag erleben, welches Glück es ist, am Leben zu sein, keine Schmerzen zu haben, unter Freunden zu sein.

Merken Sie was? Das, worauf es wirklich ankommt, sind lauter Klischees: das gemütliche Frühstück, der Spaziergang im Wald, das unbekümmerte Kinderlachen …

Zwei Gegenpole

Das Klischee ist abgegriffen und unter Kreativen verpönt. Aber es ist auch ein Wegweiser, aufgestellt von Generationen vor uns, die für ihr Leben Orientierung suchten. Wenn Sie Geschichten schreiben, bemühen Sie sich bitte um Originalität. Aber wenn Sie auf der Suche nach dem sind, was Ihrem Leben Sinn verleiht, dürfen Sie ruhig bei den Klischees verweilen.

Das Klischee hat zwei Gegenpole, die das noch einmal eindrücklich zeigen. Der eine Gegenpol ist das Originelle, Überraschende, Einfallsreiche. Das ist das, was wir uns in Texten wünschen.

Der andere Gegenpol ist das Dekadente, das übertrieben Zugespitzte, das Narzisstische eines ruhelosen Geistes, der in Äusserlichkeiten Bestätigung sucht. Davon lassen Sie die Finger. Da sind Sie mit dem Klischee besser bedient.

Zu guter Letzt: Helfen Sie uns und teilen Sie diesen Artikel in den sozialen Medien oder per E-Mail. Wir haben kaum Budget für Werbung und sind auf Empfehlungen angewiesen.

Danke.

Das wars für heute.

wiemeyer matthias rund

Herzliche Grüsse
Matthias Wiemeyer