Warum im Jätteliten Wald wieder alle schlafen können

Benno Baumelf nervt, denn seit einer Woche fliegt er jede Nacht mit lautem Bums gegen einen Baum und jammert so laut, dass keiner schlafen kann. Warum bloss? Und wann hört das endlich auf?

Frank Frickmann

Warum im Jätteliten Wald wieder alle schlafen können

Mitten in einem grossen Wald in dem noch nie ein Mensch gewesen ist, wohnen wundersame Waldbewohner. Es ist Nacht. Trotzdem schlafen die meisten Waldbewohner nicht.

Zum Beispiel König Karl. Er kann nicht einschlafen, weil er so viel denken muss. Er denkt darüber nach noch einmal zur Schule zu gehen, obwohl er doch schon König ist. Denn natürlich gehen Könige nicht mehr in die Schule. Aber er hat ein sehr grosses Geheimnis. Er kann nämlich nicht zählen. Nicht einmal bis Drei. Das ist schade, denn er will so so gerne wissen, wie viele Goldstücke er hat. Und es sind schrecklich viele. Er kann sich einfach nicht entscheiden was schlimmer ist, dass alle über ihn lachen werden oder dass er sonst niemals seinen Goldschatz zählen kann. Darum liegt er wach zwischen seinen weichen Königskissen und kann nicht schlafen.

Der Magier Max kann auch nicht schlafen. Er hat bis tief in die Nacht seinen neuen Verschwindezauber geübt. Alles kann er jetzt verschwinden lassen. Uhren, schlechte Laune, Stinkkäse und vieles mehr. Leider hat er auch seinen Schlaftee verschwinden lassen den er jeden Abend trinkt. Und das war der letzte Schlaftee. Er muss erst neuen besorgen. Aber jetzt war es Nacht, da kann man nicht einkaufen.

Und dann Gabi Glückskind. Die hat Schnupfen, warum weiss keiner. Es ist auch ihr allererster Schnupfen im ganzen Leben. Aus der Nase fliesst es wie Wasser und das Kopfkissen ist sehr nass. Es ist schon das dritte neue Kissen in dieser Nacht, das sie sich aus dem grossen Schrank holen muss.

Nur der Zwerg Zino schläft tief und fest, aber bei seinem Onkel im Nachbarwald. Das zählt nicht.

Die Waldfee Wilma darf eigentlich heute nicht schlafen. Sie muss wachbleiben. Heute ist sie an der Reihe mit dem aufpassen. Denn jede Nacht muss ein anderer Waldbewohner aufpassen, dass nichts passiert. Aber da niemals auch nur irgendetwas nachts passiert, ist ihr so langweilig, dass sie trotzdem tief und fest einschläft und fürchterlich laut schnarcht.

Jetzt ist es dunkel und still im Wald, ganz still. Nur wenn man genau hinhört, wenn man lauscht mit Ohren wie ein Elefant, ja dann hört man ein leises Brummen. Das Brummen kommt immer näher und wird lauter. Plötzlich ein sehr lauter Bums, dann ist es kurz ganz still und man hört nur ein leises Weinen. Das Weinen wird aber immer lauter und schliesslich so laut, dass alle Waldbewohner die Fenster aufmachen und gleichzeitig schimpfen: „Benno Baumelf!"

Ja, Benno kommt wieder mitten in der Nacht nach Hause, wie jede Nacht und fliegt doch tatsächlich gegen einen Baum. Der Baum hat eine Beule, die Waldbewohner sind hellwach und alle ärgern sich. Denn das geht jetzt schon eine Woche so. Keine Nacht kann man schlafen.

Am nächsten Morgen sind natürlich alle müde und furchtbar schlecht gelaunt. Vor lauter schlechter Laune schauen sich alle nicht mehr an, sonder gucken den ganzen Tag lang in die Luft. Leider kann man im Wald nicht sehr weit gehen ohne einem Baum zu begegnen. Und deswegen stossen die Waldbewohner andauernd mit dem Kopf gegen eine von den vielen Tannen oder Eichen. Alle paar Minuten kann man so ein hohles Bong oder einen Bums hören.

Am Abend hat der König Karl keine Lust mehr auf die schlecht gelaunten Waldbewohner. Deswegen ruft er alle zu sich. Er sagt dass jeder sofort nachdenken soll, was man gegen Benno Baumelf’s schlechte Flugkünste machen kann. Alle denken angestrengt nach. Vor lauter Denken kriegen alle Falten im Gesicht. Ausgerechnet Zwerg Zino, der inzwischen von seinem Onkel aus dem Nachbarwald zurückgekommen ist, hat dann eine gute Idee. Er sagt, dass Benno doch immer im Dunkeln gegen einen Baum fliegt. Das kann nur daran liegen, dass er im Dunkeln nicht gut sehen kann. Also braucht man nur nachts Licht im Wald. Alle klatschen vor Begeisterung. Und so stellt man rasch viele helle Lampen im Wald auf, bevor es wieder dunkel wird. Glücklich macht sich Benno Baumelf wieder auf seine Tour in die Nacht, um die Träume der Kinder in der grossen Stadt zu erfüllen. Denn nun kann er zu jeder Zeit sicher im Wald landen, ohne die anderen aufzuwecken.

Als die Nacht kommt brennen jetzt im Wald viele helle Lampen. Es gibt ordentlich Licht. Viel Licht. Man kann jetzt in der Nacht alle Bäume sehr gut sehen. Es ist fast so hell wie am Tag. Ja und das war das Problem. Jetzt können wieder alle nicht schlafen, weil es so hell ist. Man dreht sich im Bett von links nach rechts, legt sich sogar Handtücher über die Augen. Nichts hilft. Das Licht kommt durch jede noch so kleine Ritze. König Max versucht sogar mit seinem Kopf unter der Bettdecke zu schlafen. Aber das ist so stickig und warm, dass er das nicht lange aushält. Alle sind wirklich todmüde und sehr erschöpft. Als sie aber dann trotz Licht kurz vor dem Einschlafen sind, hören sie wieder zuerst das ganz leise Brummen in der Ferne. Benno kommt angeflogen. Alle sind gespannt was jetzt wohl passiert. Und dann wieder der ganz laute Bums. Benno ist doch trotz Licht wieder gegen eine Eiche geflogen und jammert fürchterlich und laut. Na gut, die achte Beule am Kopf tut ja genauso weh wie die anderen sieben.

Am nächsten Morgen versammeln sich erneut alle ausser dem schlafenden verbeulten Benno beim König Max und überlegen sehr sehr lange, was man nun noch machen kann. Denn Benno ist trotz grellem Licht wieder gegen einen Baum geflogen. Aber keiner konnte richtig denken. Wie soll man auch denken, wenn man so unendlich müde ist. Keiner hat eine Idee. Es ist so still beim Nachdenken, so furchtbar still und ruhig, dass einer nach dem anderen einfach einschläft. Dabei rutscht Gabi Glückskind, die mit dem Rücken an einem Baumstamm lehnt mit dem Kopf langsam immer tiefer. Schliesslich kuschelt sie sich auf das weiche Moos. Aber irgendetwas piekt sie am Po. Davon wird sie wach und findet eine Brille, die wohl irgendjemand verloren haben muss. Sie schaut die Brille an und überlegt, wozu man so eine Brille gebrauchen kann. Aber sie ist ja sooo müde, dass sie sofort wieder einschläft. Mitten am Tag!

Schliesslich kommt der ausgeschlafene Benno vorbei. Sein Kopf brummt fürchterlich. Als er an den eingeschlafenen Waldbewohnern vorbeigeht, sieht er in Gabi Glückskinds Hand etwas aufblitzen. Und das was da blinkt ist seine Brille. Die hat er vor einer Woche beim Landen verloren. Er hat keinem etwas gesagt, weil es ihm peinlich ist, das er beim Fliegen eine Brille tragen muss. Ganz leise und vorsichtig nimmt er Gabi die Brille aus der Hand und schleicht sich unbemerkt davon.

Als die Waldgesellschaft kurz vor der Dunkelheit endlich aufwacht, sind sie immer noch schrecklich müde und haben immer noch keine Idee. Sie überlegen weiter hin und her. Und inzwischen ist es schon wieder Nacht. Damit sie bloss nicht einschlafen, halten sie sich gegenseitig wach, damit endlich jemandem etwas einfällt. Der König Karl lässt sogar alle halbe Stunde kaltes Wasser über die müden Waldbewohner schütten. Und Wasser ist nass und kalt. So geht es die ganze Nacht.

Schliesslich hören alle wieder das Brummen in der Stille. Benno Baumelf ist im Anflug. Alle warten gespannt auf den grossen Bums und das laute Jammern. Doch Benno landet sanft, leise und sicher genau vor seinen Freunden.

„Was macht ihr denn hier mitten in der Nacht?" fragt er und will sich schnell davonschleichen, damit ja keiner die Brille sieht. Aber der Zwerg Zino hat sie schon entdeckt und schreit: „Der hat ja eine Brille!" Und Gabi schreit:" Die habe ich heute Mittag im Moos gefunden". Benno ist es sehr peinlich seinen Freunden nicht die Wahrheit gesagt zu haben.

Dann schreit der König:“Ruuuhe”! Alle sind sofort still und warten gespannt was er zu sagen hat. Denn sie wissen, Benno muss eine Strafe bekommen, weil er so viele Bäume verbeult hat. Der König Karl geht hin und her, überlegt ganz viel. Plötzlich lächelt er und sagt zu Benno Baumelf: „Zur Strafe musst du morgen zu mir kommen und meinen Goldschatz zählen. Mir ist das zu viel Arbeit!"

Die anderen Waldbewohner lachen alle leise, denn natürlich weiss jeder schon lange, dass der König nicht zählen kann. Dafür aber ist er ein ganz lieber König. Und das zählt.

ENDE