Und wieder lacht die Sonne

Das Kindergartenkind Linchen ist in Not und ein Zwerg, eine Waldfee, ein Baumelf, ein Zauberer und ein Glückskind versuchen, ihr zu helfen. Und zum guten Schluss meldet sich auch noch König Karl, der sehr weise ist, zu Wort. Kann diese bunte Truppe dafür sorgen, dass es Linchen besser geht?

Isabell Harrer

Und wieder lacht die Sonne

Linchen hat einen schrecklichen Tag hinter sich. Im Kindergarten hatte es heute zum Frühstück Brot mit Quark und Schnittlauch gegeben. Linchen schüttelt sich angeekelt.

Das kleine Mädchen isst normalerweise alles gerne, auch Gesundes wie Möhren. Aber Schnittlauch? Igittigitt! Doch Linchen hatte sich nicht getraut, den Kindergärtnerinnen zu sagen, dass sie dieses Grünzeug nicht mag. Also hatte sie brav ihr Brot aufgegessen. Und danach war ich schlecht gewesen.

Aber im Kindergarten war heute noch viel Schlimmeres passiert. Ihre beste Freundin, die Katja, hatte den ganzen Vormittag kein Wort mit ihr gesprochen und nur mit der doofen Svenja gespielt. Linchen hatte sich daraufhin traurig in den Sandkasten gesetzt und ein Loch nach dem anderen um sich herum gebuddelt. Und damit nicht genug, auf dem Nachhauseweg war sie dem Nachbarsjungen Simon begegnet, der sie an den Haaren gezogen hatte.

Linchen schnieft, wischt sich die salzigen Tränen von den Wangen und setzt sich in ihrem Bettchen auf. Blöder Tag!, murmelt sie und überlegt, ob sie zu Papa und Mama gehen soll. Doch die haben ihr schon vor ein paar Stunden „Gute Nacht" gesagt und schlafen vermutlich bereits.

Nach einigem Grübeln springt Linchen aus dem Bett und trippelt barfuss in ihre Spielecke, um von dort einen Schuhkarton zu holen. In diesem wohnen die Sorgenpüppchen des kleinen Mädchens. Diesen kann sie alles erzählen, was sie betrübt. Und Sorgenpüppchen hören zu wie sonst niemand. Auch können sie in vielen Fällen tatsächlich helfen.

Mit der Pappschachtel unterm Arm huscht Linchen wieder ins kuschelige Bett zurück. „So", sagt sie, „Zino, dich möchte ich als Ersten um Rat fragen, wie ich mich gegen freche Jungs und Schnittlauch wehren kann und wie ich meine Freundin wieder für mich habe." Zwerg Zimo klettert über den Rand des Kartons und plumpst auf Linchens weiche Bettdecke. Folgenden Tipp gibt er ihr: „Kleine wehren sich am besten gegen Grosse, indem sie sich noch kleiner machen. Dann sieht man sie nicht."

„Papperlapapp!", rufen in dem Moment Wilma, die Waldfee, und Benno, der Baumelf, fast zeitgleich und hüpfen ebenfalls aus der Kiste. „Kleine wehren sich am besten gegen Grosse, indem sie sich ganz, ganz lang machen und dann von oben auf die anderen herabschauen."
„Hibbel di dibbel di dau, das ist nicht schlau", meint Max, der Magier, der plötzlich auf Linchens Schulter sitzt. „Mit Zauberei gelingt dir allerlei", lautet seine Empfehlung. „Aber nein!", widerspricht Glückskind Gabi, die wie ein fröhlicher Fliegenpilz aussieht. Ihr Ratschlag an Linchen lautet: „An manchen Tagen läuft es nicht so rund, an andern dafür kunterbunt."

Als Letzter der Sorgenpüppchen-Familie von Linchen meldet sich der weise König Karl zu Wort. Er räuspert sich und bittet das Mädchen, ihn aus dem Karton zu holen. Danach sagt er mit tiefer Stimme: „Mache dir nicht zu viele Sorgen. Manche Dinge erledigen sich von selbst. So weiss ich beispielsweise, dass der Nachbarsjunge Simon mit seinen Eltern morgen von hier wegziehen wird. In anderen Fällen hilft es dir, deine Einstellung zu ändern und grosszügig zu denken. Wenn deine Freundin Katja mit einem anderen Mädchen spielt, so ist das ihr gutes Recht. Also lass anderen ihre Freiheit. Denn dadurch behältst auch du deine." „Das verstehe ich nicht mit der Freiheit", wirft Linchen ein.
Der weise König Karl lächelt und erklärt: „Wenn du jemanden für dich alleine haben möchtest, bist du nicht mehr frei. Du hast nur noch Sorge, den anderen zu verlieren. Du beobachtest sein Verhalten. Und wenn dir das nicht gefällt, geht es dir nicht gut. Das heisst, du bist kein freier Mensch, denn dein Wohlbefinden hängt davon ab, was der andere macht."

Linchen unterdrückt ein Gähnen, denn so richtig verstanden hat sie das immer noch nicht, was König Karl gesagt hat. „Und schliesslich", so fährt dieser fort, während er sich vom Plumeau erhebt und anschliessend Richtung Schuhkarton schlürft, „rede mit deinen Kindergärtnerinnen oder Eltern, wenn du Hilfe brauchst. Die meinen es gut mit dir. Und sie haben schon viel Erfahrung im Leben gesammelt. Sie wissen also am besten, was zu tun ist. Nun, mein liebes Linchen, ich bin müde. Und wie du siehst, die anderen Püppchen machen auch schon Heia. Schlafe gut!" Schnarchen dringt aus dem Schuhkarton. – Doch Linchen hat die letzten Worte des Königs nicht mehr gehört, denn auch ihr sind vor Müdigkeit die Augen zugefallen.

Am nächsten Morgen lacht die Sonne – und das kleine Mädchen auch, denn ihre Freundin Katja hat sie abgeholt, um mit ihr gemeinsam zum Kindergarten zu gehen. Und zum Frühstück gibt es dort heute Brot mit selbstgemachter Himbeermarmelade. Linchen liebt Himbeermarmelade!

ENDE