Gabi und das magische Sternenbuch
Die Suche nach den drei Sternsteinen und die Befreiung von Magier Max.
Doris Wenger
Gabi und das magische Sternenbuch
Es war einmal ein Mädchen, das hiess Gabi. Sie trug immer weisse Kleider und ihre schwarzen Haare lugten unter einem Hut hervor, der wie ein Fliegenpilz aussah. Sie wohnte in einer alten Burg, zusammen mit ihrem Vater, Karl, der war ein König. Er hatte immer viel Arbeit, denn sein Land hatte Krieg und war schwierig zu regieren. Deshalb wollte von seiner Tochter nicht gestört werden. So war Gabi viel alleine und oft war es ihr langweilig.
An einem Tag war es ihr so sehr langweilig, dass sie in der ganzen Burg herum wanderte und sich entschloss, alle Zimmer anzuschauen. Nirgends konnte sie etwas finden, das sie interessiert hätte, so ging sie schliesslich in den Keller. In der hintersten, dunkelsten Ecke entdeckte Gabi am Boden einen Gegenstand. Und als sie nähertrat, erkannte sie ein Buch. Sie hob es auf. Das Buch war staubig und alt und auf der Vorderseite waren in den Umschlag drei Löcher in der Form von drei Sternen gestanzt, welche seltsam von innen her leuchteten.
Gabis Herz klopfte laut, als sie sich hinsetzte, um in dem Buch zu lesen. Doch so sehr sie sich auch abmühte, den Buchdeckel konnte sie nicht hochheben. Schliesslich gab sie enttäuscht auf. Was nützte es ihr, ein Buch zu finden, wenn sie es dann doch nicht ansehen konnte. Sie strich zart über das alte, wunderschöne Buch und sie legte ihre Fingerspitzen in die durchbrochenen Sterne. Erst in den obersten Stern, dann in den mittleren. Als sie ihren Finger in das Loch des dritten Sterns legte, wirbelte es vor ihrem Auge, es zischte und wurde hell und ein gelbes Licht erleuchtete den hochgewirbelten Staub.
Und Gabi hörte eine Stimme die sprach: „Ich bin Max, der Magier. Seit hundert Jahren bin ich gefangen in diesem Buch. Suche die drei Sternsteine, dadurch kannst du mich befreien.“
Das Licht erlosch und nur noch aufgewirbelter, grauer Staub erinnerte sie daran, dass sie nicht geträumt hatte.
Gabi packte das Buch, rannte in ihr Zimmer, legte es in ihre Umhängetasche und mit etwas Proviant aus der Burgküche machte sie sich auf den Weg. Gabi trat aus der Burg und lief über Berge und durch Wälder und fand schliesslich einen See. Da sie nicht weiter wusste, setzte sie sich ans Ufer. Der See lag still vor ihr und die kleinen Wolken des Himmels spiegelten sich im Wasser. Plötzlich entdeckte sie ein Gesicht im See und ein Mädchen, welches ein hellgrünes Kleid, mit rosa Blumen trug. Sie erschrak, doch im selben Augenblick sagte das Mädchen: „Hallo, was für ein Glück, dass Du mich siehst. Ich bin Wilma, die Waldfee. Ich bin seit vielen Jahren hier im Wasser gefangen. So viele Ritter, Hexen und starke Männer sind schon hier vorbeigekommen. Aber niemand hat mir helfen können. Niemand konnte mich aus dem Wasser holen und mich befreien, denn ich muss trocknen Fusses, in den Wald zurückkehren.“
Gabi nahm ihren Becher aus der Umhängetasche und begann, das Wasser aus dem See zu schöpfen. Sie arbeitete den ganzen Tag, wurde jedoch nicht fertig. Erschöpft legte sie sich am Abend ins weiche Moos und mit dem ersten Sonnenstrahl machte sie sich wieder an die Arbeit. Doch auch am zweiten Tag, wurde sie nicht fertig. Am dritten Tag war nur noch wenig Wasser an den Beinen der Waldfee übrig, doch mit dem Becher konnte Gabi nicht mehr weiter schöpfen. Da rief sie alle Tiere aus dem Wald und bat sie, vom Wasser zu trinken und auch sie selber bückte sich und trank so viel vom Wasser, bis kein Tropfen mehr die Füsse der Waldfee berührte. Jetzt konnte Wilma sich wieder frei bewegen.
Wilma jauchzte, tanzte und sang, drehte sich und freute sich darüber, dass sie endlich befreit war und in den Wald zurückkehren konnte.
Wilma sagte zu Gabi: „Du bist mein Glückskind. Dir gebe ich den Stein, welcher mich all die Jahre im See festgehalten hat. Bitte bringe ihn zurück.“ Und mit diesen Worten legte Wilma Gabi einen goldenen Sternstein in die Hand.
Eilig nahm Gabi ihre Tasche, zog das Buch hervor und legte den Stein in das erste Loch. Er passte genau und mit einem Seufzen leuchtete der erste Stern auf dem Buch.
Gabi hatte ihre erste Aufgabe geschafft.
Sie freute sich und machte sich weiter auf den Weg durch den Wald. Sie kam zu einer Lichtung und fand eine schöne Gruppe von Steinen. Als sie sich hinsetzten, entdeckte sie auf einer moosbewachsenen Stelle ein klitzekleines Männlein, welches aussah wie eine kleine Tanne. Es sass traurig da und weinte viele Tränen.
„Kleiner Mann, was bist Du so traurig?“ fragte Gabi. „Ich bin Benno, der Baumelf. Seit vielen Jahren stehe ich hier, weil ich aus meinem Haus ausgesperrt bin. So viele Ritter, Hexen und starke Männer sind schon hier vorbeigekommen. Aber niemand hat mir helfen können. Wir haben an der Türe gerüttelt, mit Äxten gehauen, gepoltert, daran gerissen - nichts hat genützt. Die Türe ist zu und niemand scheint stark genug, diese Türe zu öffnen. Nicht einmal mein Jammern war erfolgreich!“
Da sah Gabi neben Benno einen Baum mit einer klitzekleinen Türe. Sie bückte sich zur Türe, legte eine Hand sanft an den Baum und sagte: „Lieber, lieber, starker Baum, würdest Du bitte die Türe öffnen?“ Und wie durch ein Wunder sprang die Türe lautlos auf und ein zartes Licht leuchtete aus einer wohlig eingerichteten Stube. Benno sprang auf, rannte in sein Haus, kam wieder heraus, rannte um den Baum herum, jauchzte, tanzte und sang.
Benno sagte zu Gabi. „Du bist mein Glückskind. Dir gebe ich den Stein, welcher mich all die Jahre an dieser Stelle festgehalten hat. Bitte bringe ihn zurück.“ Und mit diesen Worten legte Benno Gabi einen goldenen Sternstein in die Hand.
Gabi zog das Buch aus ihrer und legte den Stein in das zweite Loch. Er passte genau und mit einem Seufzen leuchtete auch der zweite Stern auf dem Buch.
Gabi hatte auch ihre zweite Aufgabe geschafft.
So lief Gabi weiter und kam zu einer grossen Höhle. Sie war neugierig und so ging sie langsam in die Höhle hinein. Dort entdeckte sie einen kleinen Zwerg mit einer roten Zipfelkappe, der am Boden hockte. „Guten Tag. Wer bist Du?“ sagte Gabi. „Hallo, ich bin Zino, der Zwerg. Seit vielen Jahren sitze ich hier, weil ich darauf warte, dass ich diese Höhle verlassen kann. Doch jedesmal wenn ich mich auf den Ausgang zu bewege, verschliesst sich der Ausgang. Egal was ich versucht habe, es ist mir nicht gelungen hinauszugehen. Immer war die Höhle schneller verschlossen als ich hätte laufen können. So viele Ritter, Hexen und starke Männer sind schon hier vorbeigekommen, aber niemand konnte mir helfen. Wer gekommen ist, konnte die Höhle wieder verlassen, doch niemand konnte mich raustragen, verstecken oder auf andere Art die Höhle überlisten. Ich bin und bleibe hier gefangen!“
Gabi nahm Zino an der Hand. Und laut sagte sie: „Ich werde jetzt mit Dir diese Höhle verlassen, denn du gehörst niemandem ausser Dir selbst!“ Zu zweit liefen die beiden zum Ausgang. Als sie sich dem Durchgang näherten, wurde dieser immer kleiner und kleiner und Zino duckte sich. Doch Gabi schritt geradewegs auf den Ausgang zu. Und noch einmal sagte sie laut: „Du gehörst niemandem ausser Dir selbst.“ Da blieb ein kleiner Spalt offen, gerade genug gross, so dass sie beide, ohne den Kopf zu senken, hinaus in den Sonnenschein gehen konnten.
Draussen begann Zino zu lachten und zu tanzen. Er jauchzte und sang. Und zu Gabi sagte er: „ Du bist mein Glückskind. Dir gebe ich den Stein, welcher mich all die Jahre an dieser Stelle in der Höhle festgehalten hat. Bitte bringe ihn zurück.“ Und mit diesen Worten legte Zino Gabi einen goldenen Sternstein in die Hand. Gabi zog das Buch aus ihrer Tasche und legte den Stein in das dritte Loch. Er passte genau und mit einem Seufzen leuchtete auch der dritte Stern auf dem Buch.
Gabi hatte auch ihre dritte Aufgabe geschafft.
Sie setzte sich hin. Mit ihrem Finger strich sie erneut über die drei leuchtenden Sterne und ganz leicht konnte sie jetzt den Buchdeckel heben. Wieder wirbelte Staub auf, es zischte und ein Leuchten trat aus dem Buch und der Magier Max stand leibhaftig neben ihr.
„Liebe Gabi“ sagte er, „Hab vielen Dank, dass Du mich endlich aus meinem Verliess befreit und meine Freunde erlöst hast. Du bist ein Glückskind. Solange Du lebst, wirst Du glücklich sein.“
Mit dem Buch und dem Magier Max an der Hand kehrte Gabi durch den Wald und über die Berge nach Hause zurück. Das Buch übergab sie ihrem Vater. Mit diesem Buch und der Hilfe von Magier Max gelang es ihm, sein Land zum Frieden zu regieren. Und so hatte er immer öfters Zeit für Gabi.
Gabi jedoch fühlte sich nie wieder alleine und nie wieder war es ihr langweilig, und so lange sie lebte, blieb sie ein Glückskind.
ENDE