Das gestohlene Zauberbuch

Wie Zinos Zauberbuch verschwindet, was Zino unternimmt, um den Dieb finden und wie er dann mit seinem Zauberbuch König Karl und das Glückskind wieder glücklich macht.

Inga Kess

Das gestohlene Zauberbuch

Vor langer, langer Zeit lebte in einem fernen Land, das es heute nicht mehr gibt, ein Zwerg mit dem Namen Zino. Den Namen Zino bekam er deshalb, weil er immer eine zinnoberrote Kappe trug, nicht so eine Zipfelmütze wie die anderen Zwerge. Er wohnte im Wald in einem kleinen Häuschen, das auf einer Lichtung stand, inmitten einer wunderschönen Blumenwiese. Hinter dem Haus

hatte Zino einen kleinen Garten angelegt, der ihn mit allem was er brauchte, versorgte.

Obwohl er der einzige Zwerg in dem Wald war, fühlte er sich nicht einsam, denn er hatte viele Freunde. Sein bester  Freund hiess Benno, Benno war ein Baumelf. Er wohnte als Stammelf in dem Stamm einer riesigen Tanne. Immer, wenn Zino erschöpft und müde war, umarmte er den Stamm und damit Benno und schöpfte wieder neue Kraft und Energie. Da gab es noch Wilma, eine Waldfee, in die Zino ein ganz klein wenig verliebt war. In ihrem grünen Blütenkleid sah sie bezaubernd aus. Auch die Tiere des Waldes, die Rehe, die Füchse und die Hasen liebten ihn.

Zino war ein ganz besonderer Zwerg, er konnte einfach alles, denn er besass ein Zauberbuch, mit dem er die allerschwierigsten Aufgaben lösen konnte. Dann passierte etwas Schreckliches, sein Zauberbuch, das er von seinem Grossvater bekommen hatte, war verschwunden, war einfach weg. Er durchstöberte das ganze Häuschen. Da er das kostbare Zauberbuch nirgendwo fand, musste es jemand gestohlen haben.

Zino brauchte das Buch dringend, denn König Karl hatte nach ihm gesandt. Seine Tochter Gabi, sein Liebling, sein Glückskind, war schwer erkrankt und dem Tode nahe.Ohne Zauberbuch konnte auch Zino die Prinzessin Gabi nicht retten. König Karl war traurig und verzweifelt. Wenn Zino bloss sein Zauberbuch hätte.

Vom langen Suchen und Überlegen war der Zwerg vor seinem Häuschen auf der Blumenwiese vor Müdigkeit eingeschlafen. Zunächst kniff ihn etwas in den Fuss, dann in den Arm. Die Klaue eines riesigen Geiers hob sein rotes Käppchen an. Mit einem Mal war Zino hellwach. Gero, dem der Zwerg einmal die gebrochenen Flügel geheilt hatte, war auch ein Freund von ihm. Der mächtige Vogel hatte von dem gestohlenen Zauberbuch gehört und sprach nun zu Zino: „Steig auf, ich fliege mit dir zum Zwergenkönig, der am Ende der Welt wohnt. Dieser besitzt eine bunte Kugel, die ihm die ganze Welt zeigt, vielleicht auch dein Zauberbuch.

In schnellem Flug  am Ende der Welt angekommen konnte der Zwergenkönig das gestohlene Buch in der Kugel nicht entdecken. Aber Zino sah etwas in der Weltenkugel, nämlich den Magier Max. Dieser hasste ihn, weil Zino mit Hilfe des  Zauberbuches einen Prinzen rettete, den der Zauberer entführt hatte. Max schwor damals, diese Tat nie zu vergessen. Was machte der Magier denn da? In der Kugel sahen die beiden, wie der Zauberer im Wald von König Karl ein grosses Feuer entfachte. Wollte er etwa das Zauberbuch verbrennen, um sich auf diese Weise an Zino zu rächen?

Jetzt war Eile geboten. In Windeseile flogen der Geier und Zino zurück in den Wald von König Karl, stürzten sich auf den Magier, der sogleich das Gleichgewicht verlor und kopfüber in das Feuer fiel. Zino konnten ihm noch rechtzeitig das Zauberbuch entreissen. Aber der Zwerg bemerkte in seiner  Eile nicht, dass Max mit brennendem Umhang in einen nahe gelegenen Teich sprang und somit gerettet war.

Zino indessen eilte an das Bett der Prinzessin Gabi, las aus dem Zauberbuch den passenden Zauberspruch, aber so leise, dass ihn niemand hörte. Die Prinzessin  reckte und streckte sich wie nach einem langen Schlaf und war gesund. König Karl schloss sie in die Arme und flüsterte “Gabi, mein Glückskind, du lebst“.

Der kleine Zwerg wohnte von nun an im Schloss des Königs Karl. Aber er wollte zurück in den Wald zu seinen Freuden zu Benno, dem Waldelf, und zu Wilma, der Waldfee. Er vermisste die Tiere des Waldes und bat deshalb König Karl, das Schloss verlassen zu dürfen.Schweren Herzens liess König Karl ihn ziehen.

Kaum hatte Zino das Schloss verlassen, da verschwand das Glückskind Gabi. Auf seinem Weg durch den Wald überbrachte eine Taube Zino diese schreckliche Nachricht. Er wusste sofort, wer für das Verschwinden von Gabi verantwortlich war, der Magier Max.

Also rief er noch einmal Gero, den Geier, schwang sich auf seinen Rücken und flog durch die Lüfte wieder an das Ende der Welt zum Zwergenkönig. Gemeinsam schauten die beiden in die bunte Welten-Kugel, entdeckten sofort den Zauberer. Dieser schlich in seinem schwarzen Gewand um Zinos kleines Häuschen. Er starrte immer wieder auf einen roten Pilz mit weissen Tupfen, rieb sich die Hände und rief „Glückskind hat kein Glück, das Glückskind hat kein Glück, denn das Glückskind wird“… Er stockte, fasste sich an den Kopf, als ob er etwas vergessen hätte. Das Zauberbuch!  Nur damit konnte  Zino die Verwandlung der Prinzessesin in einen Fliegenpilz rückgängig machen.

Der Magier richtete sich auf, breitete seine Arme aus, sprach den Zauberspruch, mit dem er stets „seine Geister“ rief. Aber niemand kam. Er beschloss nun selbst das Zauberbuch zu suchen. Das Buch lag wohlverschlossen im Schloss. Das aber wusste der Magier Max nicht

Plötzlich hörte der Zauberer ein fürchterliches Getöse in der Luft, hunderte von Geiern stürzten sich auf ihn. Zino stand drohend vor ihm, seine Augen blitzten, als er seinen Zauberspruch murmelte. Der Magier Max schrumpfte und wurde immer kleiner und kleiner bis er schliesslich so winzig  war wie ein Wurm. Ein Geier, der gerade erst angeflogen kam, stürzte sich auf den Wurm und frass ihn. Da verlor der Fliegenpilz seinen roten Hut mit den weissen Punkten. Aus dem schmalen weissen Stil trat die wunderschöne Prinzessin hervor, Gabi, das Glückskind. Der frohe Vater, König Karl erschien, um seine Tochter abzuholen. Er wurde von dem jungen Prinzen begleitet, den Zino einmal gerettet hatte.  Die beiden Königskinder sahen sich tief in die Augen und verliebten sich auf der Stelle ineinander. Sie waren echte Glückskinder und bekamen noch viele kleine Glückskinderchen und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie weiter, irgendwo in einem fernen Land, oder auch bei euch nebenan.

ENDE