2008 Postkarten Wettbewerb

Gesucht waren Gedichte, Begebenheiten, Kurzgeschichten mit einer Nackenhaarsträubenden Komponente. Die besten Einsendungen finden Sie weiter unten auf dieser Seite.

Die Gewinner/innen

Rang   Postkarten-Text   Autor/in
1. Platz   Abends …   Gabi Ott aus Wetzikon
1. Platz   Daser Grauel   Judith Stadlin & Michael van Orsouw aus Zug
2. Platz   Der Freitagakt   Verena Zürcher aus Trubschachen
2. Platz   Verbleibende Zeit   Claudia Suleck aus Zürich
3. Platz   Chleid   Ernst Hunziker aus Matten
3. Platz   Provokation   Brigitte Fuchs aus Teufenthal

7. - 22. Platz (gleichrangig)

Blauer Himmel   Marianne Weissberg aus Stein am Rhein
Charaktersache   Joanna Lisiak aus Nürensdorf
Ertappt   Marianne Siegenthaler aus Uetikon am See
Blasenqual   Markus Jerg aus Oberuzwil
Freche Wollsocke   Helga  Kesselring aus Bern
aufgeräumt   Sara Meier aus Einsiedeln
... mit Abschreckungspotential   Patrizia Killburger aus Jona Rapperswil
Mord am Montagmorgen   Mord am Montagmorgen
Aprilnachtwünsche   Gabriela  Bühlmann aus Zürich
Aug in Aug   Regula Haus-Horlacher aus Windisch
Herr Knorpel   Jens Nielsen aus Zürich
Glänzendrote Haare   Margrit Weber aus Feldmeilen
Sterne funkeln   Nadine Michel aus Binningen
Ihr Lieben,   Peter Gürtler aus Zürich
Raubtierfütterung   Niklaus Epp aus Zürich
Der Treppensteiger   Peter Weingartner aus Triengen

Aufgrund Punktegleichstände haben wir mehrere Preise doppelt verliehen. Ein herzliches Dankeschön an Pelikan/Graf von Faber-Castel und dem Schweizerischen
Buchhändler- und Verlegerverband SBVV.
Sie haben uns nachträglich und spontan je einen weiteren Preis zur Verfügung gestellt.

Die Preise

1. Preis (2 x): Füllhalter Guilloche Chevron der Marke
Graf von Faber-Castell im Wert von Fr. 460.-
2. Preis (2 x): Ein Schreibszene-Gutschein im Wert von Fr. 300.-
3. Preis (2 x):
Ein Büchergutschein im Wert von Fr. 150.-
Gesponsert vom Schweizerischen Buchhändler- und
Verlegerverband SBVV
Ausserdem werden die Texte der Gewinner/-innen
auf Postkarten gedruckt. Herzlichen Dank den Sponsoren.

Die Jury

- Katja Alves, Autorin
- Ernst Soler, Krimiautor
- Perikles Monioudis, Autor
- Fatima Vidal, Schreibszene
- Patrick Rohr, Kommunikationsprofi und Autor

Die Texte

Daser1) Grauel2)

Abend, Inn Hausen.
Schwarza Schatensen Aufen Mauern,
Plötzky Zitters Stühlingen,
Wasen Fall Boden.
Daser Grauel Kommern Nahe,
Laufen Leisel ...
Dann Grauel Schlag Harth,
Schlachters Allenz Kreuz Plus Quern
– Boden Vollem Roth, Blutgraben.
Manning Schröck, Frauenau Flensburg, Brühl.
Abern Kindring Lauta Lachen:
«Liepe Elterlein, Kay Angstedt, Nitz Echte Horrig,
Sindringen Allenz Nurn Orth Nammen.

(Alle verwendeten Wörter sind Ortsnamen aus Deutschland,
Österreich und der Schweiz.)

1) D-82377
2) D-24594

Ohne Titel

Abends mit einem Bettmümpfeli ins Bett,
morgens ein Schreckmümpfeli entdeckt!

Der Freitagsakt

Sie betrachtete sich im Spiegel, war unzufrieden mit dem, was sie sah. Das störte ihn. Trotzdem nahm er sie. Jeden Freitag. Seit Jahren schon. Freitagsakt, raunte er lüstern. Und bemerkte nicht, wie sich ihre Haare sträubten. Heute plante sie den Freitagsakt. Endlich! Sie machte sich hübsch, lackierte die Nägel. Griff nach einem Wisch Watte, tränkte ihn mit Nagellackentferner und Nagellack. Blutrot. Schmiss alles ins Klo. Vermied, dass sich Watte und Wasser trafen. Schloss den Deckel.Sie hörte ihn kommen. Sein Atem, sein Augenglanz, seine Haltung. Sie verrieten ihn. So war das freitags. Ich hab mich hübsch gemacht für dich, gurrte sie. Er kniff sie grob in die Brust. Schön. Hast dich gehen lassen in letzter Zeit, Luder! Er entschwand im Badezimmer. Sie presste das Ohr an die Tür, wusste, was kam. Er klaubte ein Magazin aus der Aktentasche, setzte sich aufs Klo, holte eine Zigarette aus der Schachtel, entfachte das Streichholz, schnippte Asche in die Schüssel. Sie begann zu zählen: Eins, zwei, drei. Wuff!
Die kleine, effiziente Aceton-Explosion trat schneller ein als erwartet. Er schrie! Erbärmlich. Sie lächelte zufrieden.

Verbleibende Zeit

Wie ein gieriges Ungeheuer verschlingt das schwarze Wasser der Themse erbarmungslos die Westminster Bridge. Gewaltig und mächtig baut sich der Big Ben vor mir auf. Sein Ziffernblatt flackert. Mir ist übel. Wie hypnotisiert starre ich in die Menge. Warum schreit Ihr so? Lasst mich in Ruhe! Ich will hier weg! Gott, tut das weh! Einem hilflosen Zappeln ähnlich versuche ich meinen Körper zu den rettenden Reserven zu überreden. Mir laufen die Tränen über das Gesicht. Die körperlichen Grenzen der Wirklichkeit spiegeln sich in den verkümmerten Resten meiner Einbildung wider. Verzerrte Stimmen klingen durcheinander, rufen meinen Namen. Eine Hand greift nach meiner Schulter. „Are you all right?" Der eindringliche Unterton seiner Stimme drängt sich in mich. Ich spüre seinen feuchten Atem an meiner glühenden Wange. Schmerzhaft krallen sich die fordernden Finger an meiner Schulter fest und zwingen mich, ihn anzusehen. Ein letztes Mal bäumt sich mein Körper auf und ich reiße schwerfällig die Arme nach oben. „I've done it!". Vier Stunden liegen hinter mir und die schützende Hand auf meiner Schulter klopft anerkennend. „Well done, Marathon-Lady!"

Chleid

Us Linde oder us Chirschi
Guet vierzg höch vore
Öppe füfefüfzg hinde
Breit öppe sibezg
Vore weniger
Längi je nach je
E Dechel druffe
Aagschrubet
U dinne
I

Provokation

Sie wollte ihn provozieren. Also setzte sie ihm Steine vor statt eines Mittagessens.
Mahlzeit, sagte er, ass die Steine, wischte sich den Mund an der Serviette ab und ging etwas später, nicht ohne sich mit einem Kuss zu verabschieden, aus der Wohnung.

Blauer Himmel

Nennen Sie mich die kleine, rote Spinne. Früher wohnte ich bei der Spinnenphobikerin Adele.Sie sass stundenlang in ihrem Stressless-Sessel. Sobald ich oder meine Schwester uns an einem Faden herunterliessen, kreischte sie. Das war ihre Lieblingsbeschäftigung. Die zweitliebste war, ihre Nachbarin zu bespitzeln. In deren Garten krabbelte ich gerne. Um Goldi ein wenig zu ärgern. Ich liess mich auf dessen Hundenase herunter, er musste niesen und ich flog in den blauen Himmel. Schön. Gestern hat Adele meine Schwester totgemacht. Wir sonnten uns, da sagte Adele „Ha!" und besprühte meine Schwester mit der Giftpistole. Sie zappelte noch ein wenig, Adele hob den Absatz ihrer Gesundheitsschuhe. Kracks. Goldi sah alles und bellte wild. Adele trat an den steilen Abhang, rief: „Dummes Vieh!" Er hat weitergebellt. Da nahm sie einen Stein und zielte. Genau da liess ich mich vom obersten Ast des Lorbeerbaumes auf ihre spitze Nase fallen. „Ihh!", kreischte Adele und fiel vornüber. Auf den Betonplatten des Nachbarsgarten hat sie noch gezappelt, dann lag sie tot wie meine Schwester. Nun wohne ich bei Goldi und fliege jeden Tag in den blauen Himmel.

Ertappt

Verstohlen schaut sie sich um. Keine Verkäuferin weit und breit. Und keine der anderen Kundinnen beachtet sie. Sie tut so, als ob sie den teuren Lippenstift zurückstellen würde, lässt ihn dann aber ihn ihrer Hand verschwinden. Dann simuliert sie einen Niesanfall und fängt an, in der Umhängetasche mit ihrem Studienkram nach einem Taschentuch zu suchen. Beste Gelegenheit, den Lippenstift unauffällig einzustecken. Ihr Puls rast, und sie muss sich beherrschen, nicht im Laufschritt aus der Parfümerie zu rennen. Auf dem Polizeiposten hat man sie vorgewarnt, dass sie nicht nochmals so glimpflich davon käme. Und dann käme auch raus, dass sie gar keinen Nebenjob hat, nie gehabt hat, und sich die vielen Cremes und Lippenstifte und Parfums auf ihrem
Badezimmerregal nicht käuflich erworben hat. Ihre Eltern würden toben und sie womöglich rausschmeissen. Endlich hat sie die Tür erreicht, ist schon fast draussen. Da fühlt sie eine Hand auf ihrem Arm. Augenblick, bitte. Sie schaut sich um. Ein Mann in Zivilkleidung steht schräg hinter ihr. Sie sind die tausendste Kundin ihr fällt ein Stein vom Herzen die wir beim Stehlen erwischen. Kommen Sie bitte mit.

Blasenqual

Auf der Heimfahrt von einer Party meldete sich meine Blase. Da noch einige Kilometer zu fahren waren, steuerte ich mein Auto auf einen Parkplatz, um mich von dieser Qual zu befreien.

Es war eine finstere Nacht. Deshalb entnahm ich dem Handschuhfach meine Taschenlampe, die ich dort für Notfälle aufbewahrte. Nun verliess ich den Wagen und trat ein paar Schritte in den Wald hinein.

Ich zuckte zusammen, als ein Tannenzweig meinen Nacken streifte. Erschrocken aktivierte ich die Taschenlampe, deren Lichtkegel sich blitzschnell in die Dunkelheit hineinbohrte. Da setzte mein Atem aus. Meine Augen weiteten sich. Mein Herz begann wie wild zu trommeln. Denn zwei bösartige, gelbe Augen starrten mich im Schein meiner Lichtquelle unbarmherzig an. Ich warf mich entsetzt herum. Der Zweig peitschte mir diesmal schmerzhaft ins Gesicht. Ich stolperte, schlug mit dem Knie hart gegen einen Stein, spürte aber den stechenden Schmerz nicht, als ich zurück zu meinem Auto taumelte, mich in mein sicheres Fahrzeug warf, die Autotür rasend schnell verriegelte, den Motor startete und losbrauste.

Erst zuhause bemerkte ich, dass meine Hose nass war.

Freche Wollsocke

Freche Wollsocke
sieht schwere Schneeflocke.
Diese zielt auf Zeh,- so , dass
Wollsockenspitze klatschnass.

Aus der Spass.

Charaktersache

Die Löcher vom Käse
sind tapfer
weil sie nicht fürchten
den Biss.

Aufgeräumt.

Alles hat seinen Platz, seine Richtigkeit, seinen Sinn. Themia legte ihre Utensilien also ordentlich in ihren Reisekoffer. Drei Tage Stockholm. Ihre Lieblingsringe steckte sie ins Samtsäcklein und zum Schutz in einen Schuh: den mütterlichen Geburtstags-Rubin, Jade in Silber und das Bernsteinringlein vom Einsiedler Weihnachtsmarkt.

Niemand ging ans Telefon, das nach Themias geplanter Rückreise wiederholt klingelte. Eine Postkarte lag pünktlich im Briefkasten ihrer Eltern: Stockholm ist eine aufgeräumte Stadt. Ich verlängere. Meine Lieblinge schicke ich nach Hause. Der Koffer liegt am Bahnhof, die Nummer des Abholscheins lautet SC49, fürs Kofferschloss 5712. Seid umarmt. T.

Der Beamte an der Gepäckausgabe händigte mit einer mürrischen Gleichgültigkeit den zierlichen Reisekoffer aus. Schwerer als gedacht. Zur Kontrolle liess die Mutter die Schnappschlösser aufspringen. Die Kleidung ruhte in artigen Stapeln nebeneinander, als hätte niemand sie angerührt. Darauf lagen zwei zierliche Frauenarme mit drei Ringen bestückt: Rubin, Jade und Bernstein.

Ein Schreck mümpfeli mit Ab schreck ungspotential, grenzt schon fast an eine Schreck ensherrschaft. Schreck enerregende Schreck ensbotschaften als Ab schreck ungspolitik erzielen nicht unbedingt eine Ab schreck wirkung.

Aber ein Schluck Ab schreck wasser als Ab schreck mittel bewirkt Vieles.Er verhindert sogar bei einer Schreck schraube das Zurück schreck en vom schreck ensbleichen Schreck gespenst.

Hingegen die schreck hafte Heu schreck e erlebte eine Schreck sekunde wegen einer Schreck enstat des Bürger schreck. Er er schreck te sie auf schreck lich ab schreck ende Art und Weise. Der Schreck en stand ihr im Gesicht. Er lässt alles und jeden auf schreck en, den er mit seiner Schreck lichkeit ab schreck en kann. Schreck lich schreck lich!

Mord am Montagmorgen

Nein, er konnte nicht mehr. Er hatte die Nase gestrichen voll. Sein Entschluss war gefasst: Er würde sie umbringen! Kaltblütig, ohne zu zögern. Die Mordwaffe sah harmlos aus. Wer dachte dabei schon an Totschlag? Die Hände wollte er sich nicht schmutzig machen. Kein Blut sollte daran leben. Abends legte er die Waffe sorgsam neben das Bett. Morgen, morgen dachte er noch und schlief zufrieden ein.
Der Druck seiner vollen Blase weckte ihn. Es war kurz vor halb sechs. Er stand auf und ging zur Toilette. Er pinkelte im Stehen. Absitzen? Das kam für ihn nicht in Frage er war ganz Mann!
Zurück im Zimmer sass sie gerade auf seinem Bett. Jetzt, jetzt ist der Moment gekommen! Langsam ging er auf sie zu und griff nach dem Mordinstrument.Ein Schlag und sie war tot.
Das Entsorgen bereitete ihm keine Mühe. Er musste sie nicht mal anfassen. Er schob einfach die Fliegenklatsche unter die Leiche, öffnete das Fenster und warf sie hinaus. Du sollst nicht töten! Na ja, was hatte das damit zu tun? Nichts, rein gar nichts. Beschwingt von seiner Tat zog er sich an, frühstückte ausgiebig und fuhr ins Büro einem neuen Tag entgegen.

Aprilnachtwünsche

Die Ampel springt von rot auf grün und ich hetze hektisch über die ungleich abgewetzten gelben Streifen, die in der regnerischen Aprilnacht fahl und launisch schimmern. Auf einmal ist mir, als löse ich mich aus der Menge, aus dem Ort, aus der Zeit, als bewege ich mich alleine weiter. Ich blicke mich um. Tatsächlich! Die Welt steht in steifer Starre stumpf und lautlos da. Wie konnte dies geschehen? Ich hatte es kaum zu Ende gedacht, ist es so geworden! Als er mir eben noch sagte, dass er heute keine Zeit mehr für mich habe, wünschte ich mir, dass die Zeit still stehe. Und das tut sie nun. Jetzt steht er da vor mir, wie aus Blei gegossen, das rechte Bein zum Gehen angewinkelt, den Mund leicht geöffnet, noch halb mit der letzten Silbe gefüllt. Ich blicke in seine Augen. Ausgeknipst. Höre ich aus vergessen gegangener Tiefe ungelebtes Leben kläglich wimmern? Kaltes Grauen schiesst in mein lärmendes Herz und ich wünsche mir nichts mehr, als dass die Zeit weiter gehe, so wie sie es immer tut. Da erwacht die Welt, das Leben fliesst erleichtert in ihn zurück und alles nimmt wieder seinen Lauf. „Ich verstehe, Liebster – ein andermal."

Ohne Titel

Herr Knorpel war berühmt für seine Fähigkeit, die Ruhe unter allen Umständen zu bewahren. Pausenlos reiste er durch die Welt, um diese Fähigkeit an Anlässen aller Art unter Beweis zu stellen. Einmal wurde er nach New York eingeladen, um bei der Sprengung eines baufälligen Hochhauses ruhig zu bleiben. Er stand keine fünf Meter vom Hochhaus entfernt, als es einstürzte. Dabei blieb er ganz gelassen. Ein andermal kniete er in Colkatta inmitten einer Grossdemonstration einer radikalen hinduistischen Partei auf den Boden und betete gegen Mekka. Sein Puls
stieg nicht über 65. Ja, er trieb es sogar soweit, ohne jede Vorbereitung in einer zweiwöchigen Weltraummission mitzufliegen, wobei er ausser Zuckerwasser nur Koffein und Antidepressiva zu sich nahm. Die Bilder gingen um die Welt.

Eines Tages, auf dem Höhepunkt seines Ruhmes, als er aufder Startbahn eines internationalen Flughafens frühstückte, stürzte aus dem Morgenhimmel eine Schwalbe in sein Spiegelei. Neugierig schnitt er die Schwalbe der Länge nach auf und schaute hinein. Er fand einen Zettel, auf dem stand: Zum Geburtstag viel Glück. Die Eltern.

Ohne Titel

Glänzendrote Haare, grüne Augen, wohlgeformte Beine, die absolute Traumfrau: unerreichbar für einen biederen Bibliothekar, Ende vierzig, mit Krampfadern. Dieses Wunderwesen sitzt in der Strassenbahn neben ihm. Sein Mund ist trocken, die Hände feucht, bald muss er aussteigen, Endstation der Träume. Darf ich auf ein Glas Wein zu dir kommen? Wie ein Schatten ist sie hinter ihm aus der Trambahn gehuscht; ihre Stimme klingt warm, die Augen funkeln vielversprechend. Von seiner Wohnung ist die unverhoffte Gästin entzückt; sie rühmt den improvisierten Imbiss, schmeichelt der Katze und bewundert die altmodische vierfüssige Badewanne. Ach, ein Bad wäre himmlisch, ob er nicht auch Lust hätte? Er hört das Wasser rauschen, bald wird sie ihn empfangen, schaumgeboren sozusagen. Mit Herzklopfen betritt er sein Badezimmer, die Brillengläser beschlagen sich; er hört, wie sich die Wanne glucksend entleert, undeutlich sieht er die Frau entschwinden; zuletzt kreiseln ihre langen roten Haare im Sog des abfliessenden Wassers, dann verschwinden auch sie mit einem leisen Seufzen im Abfluss. Ein letztes saugendes Geräusch, die Wanne ist leer.

Ohne Titel

Sterne funkeln, welch eine Pracht
Wünsche meinem Schatz gute Nacht
Müde, möchte ich noch zum Schluss
Segen geben, Liebe mit einem Kuss
Flüstere dabei in weichem Ton
„Ach...so schön wir bekommen einen Sohn"
Da sitzt er auf, macht an das Licht
„wieso Ach? freust du dich nicht?"
„ sicher doch, hab's auch so gemeint!
Mit meinem Herzen ganz ungeweint"
„Ach ist negativ, das machst du mit Absicht ohne Frage "
„mach nicht aus jedem Satz eine Klage!"
„dann zeige deine Freude ohne Lücke"
„wer macht hier einen Elefanten aus einer Mücke?!"
Er noch immer aufgebraust und errötet
Als hätte ich eben unser Kind getötet
Stundenlang Gezeter, die ganze Nacht
Was hab ich bloss mit meinem Kuss entfacht

Ohne Titel

Ihr Lieben,

hier eine Postkarte vom wohl makabersten Ort meiner Reise: von der so genannten «Selbstmörderbrücke». In luftigen Höhen stehe ich hier, starre hinab in die schier bodenlose Schlucht und kann, abgesehen von den Geräuschen, die der Wind erzeugt, nichts Absonderliches wahrnehmen. Obwohl – je länger ich hier stehe und ihm lausche, umso mehr wird er zu einem gregorianischen Choral, umso mehr scheinen Stimmen hörbar. Grausame Stimmen. Tödliche Stimmen. Stimmen, die mich auffordern, auf das Geländer zu steigen. Die mich auffordern hinunter zu

Raubtierfütterung

Unsere Klasse steht vor dem Raubtierkäfig. "Füttern verboten!", steht in schwarzen Lettern auf dem Schild. Unser Lehrer, der Herr Radecke, weiss es besser. Er füttert trotzdem. Popkorn. Lehrer dürfen, Kinder nicht! Der Panter reagiert. Schon frisst er Popkorn mit Menschenhand. Genau die Hand, die unserem Herrn Lehrer fehlen wird, wenn er uns das nächste Mal ohrfeigen will. Wir ziehen weiter. Zum nächsten Käfig. Das Füttern der Tiger wollen wir unter keinen Umständen verpassen.

Der Treppensteiger

Otto hat gelesen, Treppensteigen sei gesund. Seither steigt er Treppen, wo es geht. Lifte boykottiert er. Das Steigen einer Treppenstufe verlängere das Leben um genau eine Sekunde. So beginnt Otto, der Versicherungsmathematiker, Stufen zu zählen, führt peinlichst genau Buch und erzählt am Abend seiner Frau Anna, um wie viele Minuten er heute sein Leben verlängert habe. Nicht absolut, aber immerhin relativ.

Die Sonntagsspaziergänge degenerieren zu Leibesübungen: Otto besteigt Jägerhochsitze; Anna steht Schmiere. Ihr stinkts. Otto aber geht nun aufs Ganze, träumt von der absoluten Verjüngung. 86400 Stufen pro Tag, das müsste doch möglich sein. Anna kocht und füttert ihn während seiner Treppensteigertätigkeit im Treppenhaus, und als er zusammenbricht, wüsste sie zwar, was zu tun wäre, das Telefon ist oben in der Wohnung, doch bringt sie es nicht übers Herz, ihren Otto in seiner letzten Stunde alleine zu lassen. Anna kassiert Ottos Lebensversicherung, ein hübsches Sümmchen, das würde, denkt sie, später vielleicht, man wird nicht jünger, reichen für einen Treppenlift.