Im Dorf Jättelitingen herrscht grosse Aufregung. Der Magier Max hat einen Glückspunkt gestohlen. Nur gemeinsam können die Jätteliten ihn wieder zurückholen.

Yolanda Berner

Der gestohlene Glückspunkt

„Ähh, wer kitzelt mich denn da so früh?"

Lustig tanzt ein kleiner Sonnenstrahl zwischen den Blättern der Buche. Gabi blinzelt und lacht der Sonne entgegen.

„Guten Morgen, liebe Sonne! Heute ist ein toller Tag, heute besuche ich meinen Bruder Gabriel. Gabriel wohnt in Jättelitingen, in dem kleinen Dorf in dem auch ich auf die Welt gekommen bin".

Der Weg vom Schlosspark zum Dorf war ziemlich weit. Darum wollte Gabi auch früh aufbrechen. Als sie bei der alten, knorrigen Eiche vorbei kam, traf sie Wilma, die Waldfee.

„Guten Morgen Gabi. Wohin gehst du schon so früh?"

„Ich gehe meinen Bruder Gabriel besuchen, er wohnt in Jättelitingen, in dem kleinen Dorf unterhalb vom Schloss."

„Oh, da war ich noch nie", rief Wilma, die Waldfee. „Bitte lass mich mitkommen!"

„Sehr gerne, wenn ich mit dir ein Liedchen singen kann, wird mir der Weg auch nicht zu lange."

Gabi und Wilma hielten sich an den Händen, hüpften im Takt und sangen:

     „Ich geh mit meiner Freundin,
     Und meine Freundin mit mir.
     Da oben singen die Vögel,
     Hier unten singen wir."

Als sie bei der mächtigen Tanne vorbei kamen, schielte Benno, der Baumelf zwischen den grünen Nadeln der Äste hindurch.

„Hallo, wohin geht ihr zwei denn schon so früh?"

„Wir wollen nach Jättelitingen, Gabriel besuchen."

„Oh, gleich wenn ihr ins Dorf komm steht ein alter Apfelbaum. Dort wohnt meine Schwester. Sie ist auch ein Baumelf und heisst Benjamina. Sagt ihr einen lieben Gruss von mir, und sie soll mich doch einmal hier im Schlosspark besuchen."

„Das machen wir sehr gerne", sagte Gabi und Wilma und setzten ihren Weg fort.

     „Ich geh mit meiner Freundin,
     Und meine Freundin mit mir.
     Da oben singen die Vögel,
     Hier unten singen wir."

Es war schon fast Mittagessenszeit, als sie im Dorf ankamen. Vor dem grossen Apfelbaum blieben sie stehen und riefen:

„Benjamina, Benjamina, wir sollen dir Grüsse von Benno bestellen."

Ein kleiner Baumelf mit roten Wangen, die fast wie kleine Äpfel aussahen, blinzelte zwischen den Blättern hervor.

„Oh, wie schön! Wie geht es meinem Bruder?"

„Es geht ihm gut, er möchte, dass du ihn im Schlosspark besuchen kommst."

„Ich kann hier nicht weg. Im Dorf herrscht grosse Aufregung. Dem Glückskind Gabriel wurde ein Glückspunkt gestohlen. Jetzt ist er sehr traurig und ich muss eine Lösung finden, wie ich ihm helfen kann."

„Gabriel ist mein Bruder", sagte Gabi ganz erschrocken. „Ich muss sofort zu ihm."

Als Gabi und Wilma bei Gabriel zu Hause ankamen, sass er ganz traurig vor seinem Häuschen im Moos. Sobald er seine Schwester sah, freute er sich aber sehr und rief:

„Gäääääbeli! Schön dich zu sehen."

Bei dem Kosenamen für seine Schwester musste Wilma kichern.

„Gäääääbeli, hi, hi, hi."

Gabi umarmte ihren Bruder und sagte ihm, dass sie von dem Unglück gehört habe.

„Weisst du, wer dir den Glückspunkt gestohlen hat?"

„Ja", sagte Gabriel. „Es war der Magier Max. Ich glaube er hat sein Zauberhaus ganz in der nähe vom Schloss.

Der Magier Max war nicht böse. Manchmal half er sogar dem König, wenn etwas im Königreich nicht richtig war. Aber manchmal merkte er nicht, wenn er mit seinem Zauber Schlimmes anrichtet. Das tat ihm danach auch immer schrecklich leid.

Aber diesmal hatte er wirklich etwas sehr, sehr Böses getan. Einen Glückspunkt zu stehlen war ganz schlimm! Wofür könnte der Magier den Glückspunkt gebrauchen?

Magier Max sass in seiner Magierkammer. Da war er immer, wenn er einen neuen Zauberspruch ausprobieren wollte. Auf seinem Tisch hatte er schon ganz viele Zutaten, die er in seinen Zauberkessel geben möchte. Da lag ein Barthaar eines Hasen, ein Pfefferminzblatt, ein Löffelchen voll Schneckenschleim, drei Himbeeren und seine Hauptzutat: der Glückspunkt!

Er brauchte sehr lange, bis er sich diesen Glückspunkt beschaffen konnte. Er wollte ein bisschen wie die kleinen Glückskinder sein. Ihnen gelang alles und sie freuten sich über jede Kleinigkeit. Der Magier wollte das auch. Deshalb stahl er den Glückspunkt.

Max vermanschte alle Zutaten so gut es ging in seinem Kessel. Noch ein bisschen Wasser dazu und nun musste das Gebräu für eine Stunde auf dem Feuer köcheln. Ganz zum Schluss gab er noch den Glückspunkt hinein. Der Magier tanzte dreimal um den Kessel und murmelte seinen Zauberspruch:

     „Hasenhaar und Schneckenschleim,
     das Glück gehört nur mir allein!"

Ein Blick in den Kessel sagte ihm, dass es noch nicht genug war. So tanzte er ein weiteres mal um den Kessel. Diesmal sang er den Zauberspruch:

     „Hasenhaar und Schneckenschleim,
     das Glück gehört nur mir allein!"

Er schaute in den Kessel. Der Trank sprudelte und spritzte, aber er war noch nicht ganz gut. Nun flüsterte er den Zauberspruch:

     „Hasenhaar und Schneckenschleim,
     das Glück gehört nur mir allein!"

Er schaute in den Kessel, tauchte seinen Finger in die kleberige Flüssigkeit und steckte ihn sich in den Mund.

„Hmm, nichts."

Und der Glückspunkt, wo war er? In dem Kessel konnte Max ihn nicht mehr finden. Hatte er sich aufgelöst? Was Max nicht sehen konnte, war, dass der Glückspunkt beim Sprudeln und Spritzen der kochenden Flüssigkeit, aus dem Kessel gesprungen war. Nun klebte er auf seinem Hut, genau wie bei den kleinen Glückskindern.

In der Zwischenzeit haben sich Gabi, Gabriel, Wilma und Benjamina einen Plan ausgedacht, wie sie den Glückspunkt zurückholen konnten. Aber dazu brauchten sie den Zwerg Zino und den Baumelf Benno. Weil alles sehr schnell gehen musste, baten sie einen Specht, der zufällig an dem Apfelbaum von Benjamina hämmerte, sie in den Schlosspark zu fliegen.

Benno und Zino kitzelte es an den Nasenspitzen. Sie kannten dieses Zeichen und gingen schnell zu der alten, knorrigen Eiche. Als der Specht mit seinen Fluggästen einftraf, warteten sie schon. Zur gleichen Zeit schaute der König aus dem Fenster von seinem Schloss. Er sah die kleine Gruppe unter dem grossen Baum und fragte sich:

„Ja was machen die denn da? Der Park sieht doch schön aus, da gibt es nichts zu retten?"

Der König wusste, dass die kleinen Jätteliten dafür sorgten, dass immer alles schön blühte und gesund war. Sobald sie sahen, dass ein Baum krank war, oder eine Blume nicht wachsen wollte, waren sie zur Stelle. Da er ein guter König war, machte er sich Sorgen. Er schickte seinen Diener zu seinen kleinen Helfern im Park, um sie ins Schloss zu bitten.

Unter der Eiche ging es laut zu. Jeder brachte einen Vorschlag, wie sie vorgehen sollten, um den Magier zu überlisten. Sie konnten auch nicht einfach zu Max gehen. Da hätte er sofort gemerkt, dass sie wegen dem Glückspunkt kamen. Also beschlossen sie erst, einen wirksamen Zauberspruch auszudenken, mit dem sie Gabriel helfen konnten.

Jeder murmelte vor sich hin und versuchte einen geeigneten Reim zu finden. Das war gar nicht so einfach. Alle waren froh, dass der Zwerg bei ihnen war, denn der war gut im Dichten. Und so ging es auch gar nicht so lange, bis er freudenstrahlend verkündete:

     „Wer einen Glückspunkt hat gestohlen,
     Der soll im Feuer nun verkohlen"

„Nein, nein, das geht nicht", rufen alle gemeinsam. „Wir wollen ja nicht, dass Max etwas Schlimmes zustösst.“

Zino überlegte noch eine Weile, dann murmelte er:

     „Wer einen Glückspunkt hat gestohlen,
     Dem sollte man den Po versohlen.
     Gib ihn sofort zurück,
     Denn du brauchst nicht des andern Glück.
     Willst du ihn behalten,
    Gehörst du sofort zu den Ururalten!

Das würde funktionieren. Denn für Max dem Magier war es wichtig, stark und jung zu sein. Alle tanzten vor Freude im Kreise. So fand sie der Diener vom König und bat die Jätteliten, ins Schloss zu kommen. Vor dem König erzählte Gabi, was ihrem Bruder passiert war.

Der König war ganz erschrocken und verlangte sofort den Magier zu sprechen. Er zwinkerte dem kleinen Volk zu und versprach, dass er sich nicht einmischen würde, wenn sie ihren Spruch aufsagen. Denn er wollte ihnen helfen. Endlich konnte er einmal etwas für seine lieben Helferlein tun.

Als der Magier in den Thronsaal kam, wurde er ganz verlegen und sogar ein bisschen rot. Er wusste sofort, dass er wieder einmal etwas angestellt hatte. Noch bevor er etwas sagen konnte, murmelten die Jätteliten ihren Vers:

     „Wer einen Glückspunkt hat gestohlen,
     Dem sollte man den Po versohlen.
     Gib ihn sofort zurück,
     Denn du brauchst nicht des andern Glück.
     Willst du ihn behalten,
    Gehörst du sofort zu den Ururalten!

Max wurde nun blass und rief:

„Ich würde ihn ja gerne zurückgeben, aber ich habe ihn verloren!"

Da fingen alle an zu lachen und zeigten auf seinen Hut. Und wie der Magier nun auch seinen Hut anschaute, sah er ganz oben auf der Spitze den Glückspunkt. Schnell nahm er ihn weg und gab ihn Gabriel zurück. Er entschuldigte sich und meinte:

„Ich wusste ja nicht, dass das so schlimm ist, du hast ja noch so viele Punkte."

„Wenn du mich gefragt hättest, hätte ich dir gerne einen gegeben. Aber sei ehrlich, brauchst du wirklich einen Glückspunkt? Du hast es hier im Schloss doch so gut, was willst du noch mehr?"

Max überlegte eine Weile, dann lachte er:

„Du hast ja so recht. Ich bin zwar kein Glückspilz, aber ein Glücksmagier!"

Nun freuten sie sich, dass alles so gut ausgegangen war. Der König lies Tee und Kuchen kommen und sie feierten und sangen, bis es Abend wurde.

ENDE

(Anmerkung: Das Lied der Freundinnen kann zu der Melodie von: „Ich geh mit meiner Laterne und meine Laterne mit mir", gesungen werden.)