Die Wahrheit über Floskeln

Die halbe Wahrheit: Floskeln schaden Ihren Briefen

Menschen können schreiben, ohne nachzudenken – und tun es auch. Sie reihen Allgemeinplätze an Platitüden, streuen ein paar Floskeln dazwischen und sind sich keiner Schuld bewusst.


Natürlich kommt dabei nur Larifari heraus. Banale Massenware, die keiner lesen mag.

Deshalb haben Schreibratgeber und Schriftgelehrte die Floskel auf dem Kieker. Sie sind sich einig: Wer etwas Echtes, Originelles, frisch Gedachtes an den Mann oder an die Frau bringen will, der muss die Finger von den Floskeln lassen.

Auch ich widerspreche natürlich nicht.

Aber ich wundre mich, warum die Floskel trotzdem so beliebt ist.

Textbausteine mit Geschichte

Viele Floskeln waren einmal frisch und modern. Damals haben sie Furore gemacht. Und weil sie vielen Schreibern gut gefielen, waren sie plötzlich überall. Sie waren also nicht von Anfang an Floskeln. Jeder noch so brillante Satz kann zur Floskel verkommen, wennn ihn tausende Schreiber gedankenlos abkupfern.

Denken Sie zum Beispiel an die Formulierung: «Für Rückfragen stehen wir Ihnen jederzeit gerne zur Verfügung.» Die kommt in jedem zweiten Geschäftsbrief vor. Sie war mal ein kreativer Abschluss für einen Brief, der seine Nutzlast schon geliefert hatte, aber noch einen verbindlichen, nicht zu formellen Abschluss brauchte.

Vorher, vielleicht in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts, hatte man noch geschrieben: «Wir hoffen, Ihnen mit unserer Offerte gedient zu haben.» Und danach verblieb man dann «Mit vorzüglicher Hochachtung».

Als die Sprache im Geschäftsverkehr legerer wurde, entstand die Formulierung mit den Rückfragen. Damals war sie eine frische Alternative zum «gedient haben».

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Was Floskeln bedeuten

Beiden Varianten ist gemeinsam, dass sie nichts bedeuten. Jedenfalls nicht das, was sich durch das Aneinanderreihen der Wortbedeutungen ergeben würde.

Sie sind einfach schriftliche Abschiedsrituale. Das heisst: Sie sind zwar bedeutungsleer, aber nicht überflüssig. Im wirklichen Leben rennen wir ja auch nicht aus dem Zimmer, sobald der Gesprächsstoff erschöpft ist. Bevor wir gehen, sagen wir: «Es war nett, mal wieder zu plaudern – aber jetzt muss ich weiter.» Erst dann wenden wir uns ab und gehen. Und bevor die Tür ins Schloss fällt, winken wir noch kurz und sagen: «Also Tschüss dann, bis zum nächsten Mal.»

Solche Rituale sind zur Beziehungspflege wichtig. Auch in Briefen werden sie erwartet – nur etwas anders als im persönlichen Dialog.

Briefe mit Beziehungsextras

Also zurück zu unserem Geschäftsbrief und den Rückfragen. Dass man für Rückfragen zur Verfügung steht, war und ist eine Selbstverständlichkeit. Wenn Ihnen etwas unklar ist, fragen Sie nach. Auch ohne explizite Erlaubnis des Briefeschreibers, der Ihnen Rätsel aufgab.

Warum also geben Ihnen so viele Leute eine Erlaubnis, die Sie gar nicht brauchen? Weil sie spüren, dass die Kommunikation dieses kleine Extra braucht, damit der schriftliche Dialog sich angenehm anfühlt.

Deshalb darf man die Floskeln nicht ersatzlos streichen. Wo sie die schriftliche Form sozialer Rituale sind, würde sonst etwas fehlen.

Nutzlast und Ballast
Der Schiffsrumpf eines Frachters hat nicht nur Platz für Nutzlast. Manchmal lädt das Schiff Ballast, damit es gut im Wasser liegt. Auch Geschäftsbriefe brauchen mehr als ihre Nettobotschaft, um erfolgreich unterwegs zu sein – zum Beispiel sprachliche Rituale zur Beziehungspflege.

Jedoch: Wenn solche Rituale zu Floskeln erstarren, schaden sie Ihren Texten. Dann denkt die Leserin: «Da ist sicher nichts dahinter. Das übliche Geplänkel halt.»

Daher müssen Sie der Beziehungspflege eine frische Form geben. Dann wird sie zum entscheidenden Detail, das Ihren Brief von dem Sprachmüll abhebt, der sofort in den Papierkorb wandert.

Floskeln: Drei Probleme

Wer den Floskeln an den Kragen will, muss drei Probleme lösen:

    • Floskeln wirken (im besten Fall) als reine Höflichkeitsrituale. So wie die Frage «Wie gehts?». Dahinter steckt kein echtes Interesse. Das wissen Sie und müssen deshalb «Prima. Danke.» sagen. (Die Sache mit dem Fusspilz behalten Sie für sich.)
    • Floskeln sagen Ihrem Leser: «Deine Bedürfnisse sind mir egal. Ich spule ein paar Textbausteine ab, um ein Minimum sozialen Anstands zu wahren; aber das wars auch schon.»
    • Floskeln machen Ihre Texte langweilig, weil sie nach ideenlosem Wortgeklapper klingen. Floskeln habe ich schon tausendfach gelesen. Und was ich schon tausenfach gelesen habe, langweilt mich.

Statt Floskel: Höflichkeit mal anders

Wie Sie es anstellen, höflich und taktvoll zu schreiben, ohne floskelhaft zu klingen? 

Indem Sie den Bedeutungskern in frische Worte kleiden. Nehmen wir an, Sie hätten eine Offerte für ein kaltes Buffet gemacht und wüssten gern, ob alles passt. Dann sparen Sie sich die Floskel mit den Rückfragen und schreiben statt dessen etwas wie das hier:

«Haben wir an alles gedacht? Das würde mich freuen. Sonst rufen Sie mich einfach an (079 123 45 67) – dann ändern wir das Angebot.»

Praxistipp: So gehen Sie mit Floskeln um

Wo Floskeln auftauchen, fehlt Aufmerksamkeit und Liebe zum Detail.

Daher aufgepasst: Wenn Sie in Ihrem Text eine Formulierung finden, die Sie sich nicht ausgedacht (aber schon oft gelesen) haben, ist es wahrscheinlich eine Floskel. Nun treten Sie einen Schritt zurück, überlegen, was Sie sagen wollen, und suchen dafür frische Worte.

Das klingt dann vielleicht so:

    • Statt: «Wir beziehen uns auf das Telefongespräch vom ...»
      lieber: «Am ... hatten wir telefoniert ...»
    • Statt: «Anliegend erhalten Sie ...»
      lieber: gar nichts (weil selbsterklärend) oder (falls doch nicht selbsterklärend): «Hier kommt der aktuelle Prospekt. Auf Seite 12 finden Sie das Zubehör für ...»
    • Statt: «In der heutigen Zeit wird es immer schwieriger ...»
      lieber: «Wir mussten lange suchen, um diesen ...»

Viele Spielarten

Nicht alle Floskeln sind missglückte Beziehungspflege. Andere Motive sind:

    • Faulheit
      Abgenutzte Formulierungen lesen wir ständig bei anderen. Daher fallen sie uns ohne nachzudenken ein. Gute Schreiber misstrauen daher ihren ersten Einfällen und drehen noch ein paar Steine um.
    • Sozialer Status
      Jede gesellschaftliche Gruppierung hat ihre sprachlichen Marotten. Sie müssen sich wiederholen, damit sie als Erkennungszeichen funktionieren.
      Selbstzweifel
      Wer sich unsicher fühlt, versteckt sich gerne hinter Floskeln, am liebsten hinter imposanten.

Egal woher die Floskel kommt. Das Rezept im Kasten «Praxistipp» funktioniert immer.

Übungsaufgaben für Sie:

    • Wir danken Ihnen für Ihr Vertrauen.
    • Wir bitten Sie, das Versehen zu entschuldigen.
    • Leider können wir Ihre Reklamation nicht anerkennen.
    • Jetzt, da die Tage wieder länger werden ...
    • Urlaub – die schönste Zeit des Jahres

Das Wichtigste im Schnelldurchlauf

    • Floskeln machen Ihre Texte fad. Sie vernichten Aufmerksamkeit, weil keiner bei Ihnen lesen will, was er ohnehin schon überall liest.
    • Oft erfüllen Sie einen verborgenen Zweck. Dem müssen Sie auf die Spur kommen, bevor Sie die Floskel durch frischen Text ersetzen.
    • Das wichtigste Mittel gegen Floskeln ist Aufmerksamkeit. Wenn der Autopilot Pause macht, gelingt origineller Text viel leichter.
    • Es hilft, sich eine Sammlung der eigenen «Lieblingsfloskeln» mit passenden Alternativen anzulegen. Dann müssen Sie das Rad nicht immer neu erfinden. (Hoppla – schon wieder eine Floskel. Wie würden Sie es besser sagen? Oder geht das noch in Ordnung?)
    • Ganz ohne Floskeln geht es nicht. Ihr Tonfall soll interessant und originell sein. Aber wenn jede Zeile überraschend ist, wird Ihr Text anstrengend und irritiert den Empfänger. Was für ein komischer Vogel schreibt mir denn da?

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wiemeyer matthias rund Herzliche Grüsse
Matthias Wiemeyer