Die Wahrheit über Floskeln

Die halbe Wahrheit: Floskeln schaden Ihren Texten.

Menschen können schreiben, ohne nach­zu­denken – und tun es auch. Das Ergebnis sind floskelbeladene Allerweltstexte, die ungelesen weggeklickt werden. Daher warnen die meisten Sprachratgeber kategorisch vor Floskeln.

So einfach ist das aber nicht.

Textbausteine mit Geschichte

Viele Floskeln waren einmal frisch und modern. Damals haben sie Furore gemacht. Und weil sie vielen Schreibern gut gefielen, waren sie plötzlich überall.

Denken Sie zum Beispiel an die Formulierung: «Für Rückfragen stehen wir Ihnen jederzeit gerne zu Verfügung.» Das ist eine Floskel, die in jedem zweiten Geschäftsbrief vorkommt. Die Formulierung mit den Rückfragen war mal ein kreativer Abschluss für einen Brief, der seine Nutzlast schon überbracht hatte, aber noch einen verbindlichen, nicht zu formellen Abschluss brauchte. Vorher, vielleicht in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts, hatte man noch geschrieben: «Wir hoffen, Ihnen mit unserer Offerte gedient zu haben.» Und danach verblieb man dann «Mit vorzüglicher Hochachtung».Als die Sprache im Geschäftsverkehr legerer wurde, entstand die Formulierung mit den Rückfragen. Damals war sie eine frische Alternative zum «gedient haben».

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Was Floskeln bedeuten

Beiden Varianten ist gemeinsam, dass sie nichts bedeuten. Jedenfalls nicht das, was sich durch das Aneinanderreihen der Wortbedeutungen ergeben würde. Sie sind einfach schriftliche Abschiedsrituale. Das heisst: Sie sind zwar bedeutungsleer, aber nicht überflüssig. Im wirklichen Leben rennen wir ja auch nicht aus dem Zimmer, sobald der Gesprächsstoff erschöpft ist. Bevor wir gehen sagen wir: «Es war nett, mal wieder mit dir zu reden – aber jetzt muss ich weiter.» Erst dann wenden wir uns ab und gehen zur Tür. Und bevor wir hinausgehen, winken wir noch kurz und sagen: «Also Tschüss dann, bis zum nächsten Mal.»

Solche Rituale sind zur Beziehungspflege wichtig. Auch in Briefen werden sie erwartet. Nur etwas anders als im persönlichen Dialog.

Briefe mit Beziehungsextras

Also zurück zu unserem Geschäftsbrief und den Rückfragen. Dass man für Rückfragen zur Verfügung steht, war und ist eine Selbstverständlichkeit. Wenn Ihnen etwas unklar ist, fragen Sie nach. Auch ohne explizite Erlaubnis eines Briefeschreibers, der Ihnen Rätsel aufgab. Warum also geben Ihnen so viele Leute eine Erlaubnis, die Sie gar nicht brauchen? Weil sie spüren, dass die Kommunikation dieses kleine Extra braucht, damit der schriftliche Dialog als angenehm empfunden wird.

Deshalb darf man die Floskeln nicht ersatzlos streichen. Wo sie die schriftliche Form sozialer Rituale sind, würde sonst etwas fehlen.

Nutzlast und Ballast
Der Schiffsrumpf eines Frachters hat nicht nur Platz für Nutzlast. Manchmal lädt das Schiff Ballast, damit es gut im Wasser liegt.
Auch Geschäftsbriefe brauchen mehr als ihre Nettobotschaft, um erfolgreich unterwegs zu sein – zum Beispiel sprachliche Rituale zur Beziehungspflege. Wenn solche Rituale zu Floskeln erstarren, schaden sie Ihren Texten. Aber wenn Sie ihnen eine frische Form geben, sind sie das entscheidende Detail, das einen guten Brief von dem Sprachmüll unterscheidet, der sonst überall herumliegt.

Floskeln: Drei Probleme

Wer den Floskeln an den Kragen will, muss drei Probleme lösen:

  • Wenn Floskeln als Rituale gedeutet werden, kommt ihr wörtlicher Inhalt nicht an. Wenn Sie den Empfänger wirklich ermutigen wollen, Sie anzurufen, müssen Sie sich etwas anderes ausdenken. Sie müssen einen Satz schreiben, dem man ansieht, dass er nicht als Ritual, sondern als Botschaft gemeint ist.
  • Ihr Gegenüber merkt, dass Ihnen die Beziehungspflege nicht sehr wichtig ist. Sie haben ein paar Textbausteine abgespult, um das Minimum sozialen Anstands zu wahren. Das ist herzlich wenig.
  • Floskeln machen Ihre Texte langweilig – einfach schon, weil sie sich nicht vom ideenlosen Wortgeklapper anderer Leute unterscheiden. Diesen Problemen begegnen Sie, indem Sie für Ihre Nachricht eine frische Form suchen: «Ist unser Angebot genau das, was Sie sich vorgestellt haben? Das würde mich freuen. Sonst melden Sie sich bitte. Dann ändern wir das.»

Viele Spielarten

Floskeln können auch andere Hintergründe haben. Hier ein paar Beispiele:

  • Faulheit
    Abgenutzte Formulierungen lesen wir ständig bei anderen. Daher fallen sie uns ohne langes Nachdenken ein.
  • Sozialer Status
    Jede gesellschaftliche Gruppierung hat ihre sprachlichen Marotten. Sie müssen sich wiederholen, damit sie als Erkennungszeichen funktionieren.
  • Viel/wenig Selbstbewusstsein
    Es gibt Floskeln aus Imponiergehabe und Floskeln, die von eigener Unsicherheit ablenken sollen.

Egal woher die Floskel kommt. Das Rezept im Kasten «Praxistipp» funktioniert immer.

Praxistipp: So gehen Sie mit Floskeln um

Wo Floskeln auftauchen, fehlt Aufmerksamkeit und Liebe zum Detail. Floskeln sind das Dosenfutter der Schriftsprache.

Daher aufgepasst: Wenn Sie plötzlich eine Formulierung in Ihrem Text finden, die Sie sich nicht bewusst ausgedacht haben, ist es wahrscheinlich eine Floskel. Nun treten Sie einen Schritt zurück, überlegen, was Sie sagen wollen, und suchen dafür frische Worte.

Den Blick schärfen

Markieren Sie in Ihrer Eingangspost (Briefe/E-Mails) alle Floskeln. Überlegen Sie, worum es geht und schreiben Sie etwas Frisches.

Zum Warmlaufen können Sie auch diese Floskeln nehmen:

  • Wir beziehen uns auf das Telefongespräch vom ...
    Am ... hatten wir telefoniert ...
  • Anliegend erhalten Sie ...
    Meist entbehrlich, weil selbsterklärend. Falls nicht: Hier kommt der aktuelle Prospekt. Auf Seite 12 finden Sie das Zubehör für ...
  • In der heutigen Zeit wird es immer schwieriger ...
    Wir mussten lange suchen, um diesen ...

Übungsaufgaben für Sie:

  • Wir danken Ihnen für Ihr Vertrauen.
  • Wir bitten Sie, das Versehen zu entschuldigen.
  • Leider können wir Ihre Reklamation nicht anerkennen.
  • Jetzt, da die Tage wieder länger werden ...
  • Urlaub – die schönste Zeit des Jahres

Das Wichtigste im Schnelldurchlauf

  • Floskeln machen Ihre Texte fad. Sie vernichten Aufmerksamkeit, weil keiner bei Ihnen lesen will, was er ohnehin schon überall liest.
  • Oft erfüllen Sie einen verborgenen Zweck. Dem müssen Sie auf die Spur kommen, bevor Sie die Floskel durch frischen Text ersetzen.
  • Das wichtigste Mittel gegen Floskeln ist Aufmerksamkeit. Wenn der Autopilot Ferien hat, gelingt origineller Text viel leichter.
  • Es hilft, sich eine Sammlung der eigenen «Lieblingsfloskeln» mit passenden Alternativen anzulegen. Dann müssen Sie das Rad nicht immer neu erfinden. (Hoppla – schon wieder eine Floskel. Wie würden Sie es besser sagen? Oder geht das noch in Ordnung?)
  • Ganz ohne Floskeln geht es nicht. Ihr Tonfall soll interessant und originell sein. Aber wenn jede Zeile überaschend ist, wird Ihr Text anstrengend und irritiert den Empfänger. Was für ein komischer Vogel schreibt mir denn da?

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wiemeyer matthias rund

 

Herzliche Grüsse
Matthias Wiemeyer

 

Comments (6)

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Grüezi Matthias Wiemeyer,
danke für Ihre Anregungen und Empfehlungen, Sprache wirkungsvoll zu nutzen.
Auch mit diesem Artikel gehen Sie die 'extra Meile' (oder ist das schon eine Floskel?).
Die News von Petra Huber und der Schreibszene schaue ich...

Grüezi Matthias Wiemeyer,
danke für Ihre Anregungen und Empfehlungen, Sprache wirkungsvoll zu nutzen.
Auch mit diesem Artikel gehen Sie die 'extra Meile' (oder ist das schon eine Floskel?).
Die News von Petra Huber und der Schreibszene schaue ich mir immer gleich an. Ich erlebe diese als interessant und motivierend. Sie regen an zum nachdenken und zum nachahmen. Vorbildlich.
Weiter so. Ich freue mich schon auf Ihre nächste Ausgabe.
Herzliche Grüsse aus Zürich,
Urs Frei

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Zu genau solchen Fragen wolle ich anregen. <br /><br />Und vielen Dank fürs Kompliment. Das tut gut. Denn solche Artikel machen Mühe. Gerade weil sie so klingen sollen, als machten sie keine.<br /><br />Herzliche Grüsse – Matthias Wiemeyer

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Zu genau solchen Fragen wolle ich anregen. <br /><br />Und vielen Dank fürs Kompliment. Das tut gut. Denn solche Artikel machen Mühe. Gerade weil sie so klingen sollen, als machten sie keine.<br /><br />Herzliche Grüsse – Matthias Wiemeyer

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Diese halbe Wahrheit haben Sie so fundiert wie amüsant dargelegt. Ich bin begeistert! (Und wenn Sie wüssten, wie lange ich jetzt gefeilt habe - und jeweils feilen werde -, um meine Floskeln auszumerzen, würden Sie abheben.)

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Hach – das macht richtig Lust zum Weiterschreiben. Danke<br />Matthias Wiemeyer

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Grüezi mitenand, ich bin regelrecht begeistert von der Schreibszene! Und ich habe schon soo viel gelernt und profitiert, es macht richtig Spass. Bemerkenswert finde ich, dass das Team der Schreibszene solch wertvolle Beiträge wie zum Beispiel die...

Grüezi mitenand, ich bin regelrecht begeistert von der Schreibszene! Und ich habe schon soo viel gelernt und profitiert, es macht richtig Spass. Bemerkenswert finde ich, dass das Team der Schreibszene solch wertvolle Beiträge wie zum Beispiel die Sache mit den Floskeln kostenlos mit uns Lesern teilt. Ein grosses Dankeschön an Sie!

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Liebe Frau Haller<br />Das tun wir gern. Denn zum Glück haben wir durch unsere Arbeit häufig Begegnungen mit so positiven Menschen wie Ihnen.<br />Herzliche Grüsse<br />Matthias Wiemeyer

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